Ungewollt

Ungewollt
Preis: 12,90 €
Autor:
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2016
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783837015027
Sophie ist ein Kuckuckskind. Nach einer von Kälte, Ablehnung und Gewalt geprägten Kindheit erfährt sie erst im Alter von 35 Jahren, dass ihr Vater nicht ihr Vater ist. Erneut tief verletzt von den Lügen ihrer Jugend und der Erkenntnis, dass sie sich jahrelang um die Liebe und Zuneigung des falschen Mannes bemüht hat, begibt sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Ein jahrelanger, dramatischer Kampf um die Ermittlung ihres tatsächlichen Vaters beginnt. Bence, ihr ungarischer Erzeuger, setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die amtliche Feststellung seiner Vaterschaft zu verhindern. Der Unternehmer geht dazu bis zum Bundesverfassungsgericht. Dabei übersieht er jedoch etwas Entscheidendes: Seine Tochter hat nicht nur seine Augen geerbt, sondern auch seine Beharrlichkeit. Weder das jahrelange Warten auf Gerichtsbeschlüsse noch die unzähligen persönlichen Angriffe aus der Familie ihres vermeintlichen Vaters oder der Verlust des gerade erst gewonnenen Halbbruders, der sich von ihr abwendet, können sie von ihrem Weg abbringen.
Leseprobe online lesen
Leseprobe herunterladen
Jetzt das Buch bei Thalia.de kaufen.
Jetzt das Buch bei Amazon kaufen.
Jetzt das Buch bei Amazon Kindle kaufen.

Leseprobe

Die Kringel, die ich mit dem Qualm meiner Zigarette in
den klaren Himmel blies, waren perfekt. Kreisrund und
gleichmäßig, ein unmissverständliches Zeichen dafür,
dass es mir gut ging. Wie das kam, wusste ich gar nicht. Aber wer
mich kannte, war tatsächlich in der Lage, anhand meiner Rauchkringel
meine aktuelle Stimmung zu erraten.
Als ich den inarisilberfarbenen Golf II startete, dachte ich kurz
darüber nach, warumman die Farbe nicht einfach Grünmetallic genannt
hatte, und drehte das Radio an. Zu meiner Freude lief La
Bouche mit ihrem Hit ›Be My Lover‹, und ich trällerte mit. Es war
ein wundervoller Tag und ich konnte meine Aufregung fast greifen.
Ein letzter Gang zum Standesamt – dann wäre es geschafft. Das Amt
lag genau in der Stadtmitte von Bremen, in der Hollerallee, an die
auch der Bürgerpark mit seinen zwei Seen angrenzte. Ganz in der
Nähe waren der Bahnhof und das Messegelände. Eine beliebte und
stark frequentierte Gegend also. Es glich einem Sechser im Lotto,
hier einen Parkplatz zu bekommen, von dem aus man keinen gefühlten
Halbmarathon bis zum Ziel zurücklegen musste. Aber heute
schien so etwas wie mein Glückstag zu sein; ich erspähte tatsächlich
einen Platz genau vor dem Eingang. Meiner, dachte ich und lenkte
meinen kleinen Flitzer in die Lücke, bevor ich meinen Blick über
den Bau schweifen ließ. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude
im neubarocken Stil des 19. Jahrhunderts schaffte es immer
wieder, mich zu beeindrucken.
Ich hastete die wenigen Treppenstufen hinauf, die zur großen
Eingangshalle führten, und öffnete die schwere Eichentür. Es überraschte
mich, wie viel sich seit meinem letzten Besuch hier verändert
hatte. Die gewaltige Treppe, die ins Obergeschoss führte, war genauso
restauriert worden wie die alten Türen aus Eichenholz, die zwar alt
belassen worden waren, aber nun eindrucksvoll wieder in ihrer alten
10
Pracht erstrahlten. Ich betrat den Raum, in dem sich die Regale mit
den Geburtsregistern befanden, die teilweise älter zu sein schienen als
das Gebäude selbst.
Ich stellte mich auf eine längere Wartezeit ein. Doch schneller
als erwartet wurde ich zu der zuständigen Sachbearbeiterin, einer
älteren Dame, gerufen, die mir freundlich lächelnd meine Abstammungsurkunde
aushändigte. Ich warf einen flüchtigen Blick auf das
Dokument, ging zur Kasse und bezahlte die Gebühr. Ich war bereits
auf dem Weg nach draußen, als ich hinter mir die Stimme der Standesbeamtin
hörte. Sie bat mich, noch einmal kurz bei ihr Platz zu
nehmen.
»Haben Sie noch eine Minute Zeit, Frau Schulze? Möchten Sie
sich setzen?«, fragte sie. Ich war etwas verwundert, folgte aber der
Bitte der Dame. »Frau Schulze, als ich eben sah, dass Sie Ihre Abstammungsurkunde
lediglich flüchtig angeschaut haben, war ich mir
nicht sicher, ob Sie wissen, was dort drinsteht. Deshalb habe ich ein
wenig gezögert und jetzt möchte ich mich für meine Indiskretion
entschuldigen, halte es aber für meine Pflicht als Standesbeamtin,
Ihnen mitzuteilen, was mir aufgefallen ist.«
»Was ist Ihnen denn aufgefallen? Stimmt etwas nicht?«
»Es kann sein, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist, aber mir
ist ins Auge gefallen, dass Ihre Eltern schon geschieden waren, bevor
Sie geboren wurden. Vermutlich wissen Sie das längst, aber ich dachte,
ich sollte vielleicht sichergehen.«
»Wie bitte? Nein, davon wusste ich überhaupt nichts. Meine Eltern
waren geschieden, als ich noch nicht auf der Welt war? Habe ich
das richtig verstanden?«
»Ja, wie gesagt, ich hielt es für meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen.
Heute mag das nicht mehr so eng gesehen werden, aber damals
galt so etwas noch als besonderer Umstand. Es tut mir sehr leid, dass
Sie das auf diese Weise erfahren mussten.«
Das war in der Tat seltsam. Ende der Fünfzigerjahre hatte es noch
eine strikte Rollenverteilung gegeben. Sich scheiden zu lassen, während
ein Kind unterwegs war, galt als gesellschaftliches No-Go. Aber
warum hatte mir das bis jetzt niemand gesagt? Ich wusste natürlich
aus den Erzählungen meiner Großmutter, bei der ich aufgewachsen
war, dass meine Eltern sich nicht mehr gut verstanden hatten. Dass
die beiden schon vor meiner Geburt die Scheidung eingereicht hatten,
war mir indes vollkommen neu.
Zerstreut bedankte ich mich und verließ den Raum. Wie sollte
ich nun mit dieser Information umgehen?

Bewertung: 0.0 von 5 (0 Bewertung)
Sending
Seitenaufrufe: 33 mal Aufgerufen Am 6. September 2016 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Abstammung, Familienrecht, Identität, Kind, Kuckuckskind, Mutter, Recht, Vater, Wahrheit
Kommentare zum Buch Buch melden / Problem klären
Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des oben genannten Autors bzw. der Autoren untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten.

Diese Bücher könnten Dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.