Stadtgezeiten

Stadtgezeiten
Preis: 16,75 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.karin-buchholz.com
Erscheinungsjahr: 2013
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783732232352
Diese neuen, heiter-besinnlichen Kurzgeschichten der norddeutschen Autorin Karin Buchholz erzählen Stadtgeschichten voller Intensität und Dichte. Wieder begegnen wir besonderen Charakteren an ganz alltäglichen Orten, erleben Unerwartetes und Magisches ebenso wie Heiteres und Skurriles. Wir begleiten Menschen ein Stück ihres Weges durch die Stadt und entdecken eine Welt, die hinter Stein und Beton, Stadtautobahn und Untergrund liegt - eine Welt voller Träume, Sehnsüchte und Enttäuschungen.
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Stadtparkgedanken

Als wäre es nicht schon genug, dass Fabian ihr vor vier Tagen Knall auf Fall erklärt hatte, er würde sie wegen einer anderen Frau verlassen und noch am selben Tag aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, nein: ausgerechnet diese Woche musste sie einen Artikel über das neue Scheidungsrecht für die Zeitung fertig schreiben! Jetzt saß Julia schon seit Stunden vor dem immer noch leeren Laptopbildschirm und nur spärlich würgten sich ein paar ungelenke Formulierungen aus ihrem Kopf heraus, die schon bald darauf von der Löschtaste wieder ausradiert wurden. Auf dem Tisch verstreut lagen die Computerausdrucke und Vierfarbbroschüren, die sie bei ihren Recherchen aufgetan hatte, aber die unerbittliche Sachlichkeit dieser Informationen, die bürokratische Kälte, mit der eine Trennung darin behandelt wurde, war für sie unerträglich. Das alles hatte nichts mit dem wirklichen Leben zu tun! Was wussten diese Bürokraten schon von dem, was eine Trennung wirklich ausmachte? War ihnen bewusst, dass dieser zentnerschwere Stein in ihrem Magen durch Unterhaltszahlungen nicht weniger wog? Wussten sie, wie es war, wenn das gesamte Leben sich urplötzlich in Luft auflöste und an Stelle von gelebter Gemeinsamkeit bestenfalls gepflegte Anwaltskorrespondenz trat? Wusste einer dieser Beamten um den allmorgendlichen Schmerz, wenn das Bett neben einem unbenutzt, die Kissen glatt und das Leben leer waren? All das war eine unsichtbare, verstörende Welt hinter den Paragraphen, und Julia konnte das eine nicht vom anderen trennen. Immer wieder sah sie Fabian vor sich, immer wieder glitten ihre Gedanken in gemeinsame Erinnerungen zurück, Sepiabilder wie aus einem alten Familienalbum, das sie nun zuklappen und im Schrank verstauen sollte. Aber das ging nicht so einfach. Jedenfalls nicht für sie. Fabian dagegen hatte völlig cool gewirkt. Es war kein „Gespräch“ gewesen, es war eine pure „Informationsveranstaltung“, als er am Samstag abend hier im gemeinsamen Wohnzimmer zum ersten Mal in ihrem gemeinsamen Leben das Wort Trennung benutzte. Und gleich beim ersten Mal meinte er es ernst, ganz ohne den Versuch, sich doch noch einmal zusammenzuraufen. Ganz ohne Chance. Und ohne ihr einen Grund zu nennen – mal abgesehen davon, dass er (wie lange schon?) eine Geliebte hatte, mit der er von nun an zusammen sein wollte. Doch warum hatte er überhaupt eine Geliebte? Wütend wischte Julia über den Tisch und etliche Papiere flatterten durchs Zimmer auf den Dielenboden. Sie hatten sie bei ihrem Einzug selbst abgeschliffen und geölt, diese Dielen. Es waren ihre Dielen, ihre gemeinsamen Dielen, auf denen ihr Leben stattgefunden hatte… Julia starrte auf die Maserung des Parketts bis es vor ihren Augen verschwamm. Warum konnte sie nicht einfach richtig wütend sein, einfach nur sauer? Warum hörten diese verdammten Tränen nicht auf? Julia sprang so heftig auf, dass der Stuhl nach hinten zu Boden krachte. Sie hob ihn auf und knallte ihn auf die Dielen zurück. „Scheiße!“ schnaubte sie und wischte sich mit dem Pulloverärmel die Tränen aus dem Gesicht. Sie hörte ihre eigenen Schritte den langen Flur hinunter bis zur Garderobe gehen, sie griff nach ihrer Jacke, blickte beim Anziehen einen Moment lang versteinert auf den leeren Haken neben ihrem, öffnete die Wohnungstür und trat in den muffigen Altbauflur. Sie musste hier raus, einfach raus, frische Luft schnappen, laufen, sich abreagieren! Auf der Treppe begegnete ihr die alte Frau Thaler aus dem dritten Stock, die schnaufend auf einem der Treppenabsätze pausierte. Zum Glück war sie außer Atem, so entkam Julia ihr mit einem kurzen Gruß und einem aufmunternden Lächeln. Die schwere Haustür quietschte langgezogen und vertraut, und als Julia aus dem Hauseingang trat bemerkte sie, dass es zu regnen begonnen hatte. Ein leichter, sanfter Sommerregen besprengte den Gehsteig und die kleine normale Welt, in der sie bis vor wenigen Tagen gelebt hatten. Nun wirkte alles leer und sinnlos.

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Seitenaufrufe: 31 mal Aufgerufen Am 12. Juli 2016 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Berliner Taxifahrer, besinnlich, Gezeiten, Hamburg, heiter, Kurzgeschichten, norddeutsch, Stadt, türkischer Friseur, Weltreise
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