Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit
Preis: 11,80 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.maria-braig.de
Erscheinungsjahr: 2016
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783956672392
Drei junge Menschen mit dem gleichen Ziel: Freiheit und Akzeptanz! * Irgendwo in Afrika macht sich eine junge Frau aus ihr unerträglichen Verhältnissen auf den Weg nach Europa, wo sie die Freiheit zu finden glaubt. * Enrique, der als Henriqua geboren wurde, geht nach München, weil er in Spanien keine Arbeit findet. * Sein Freund Leon hat das Down-Syndrom und möchte Lehrer werden. Gemeinsam suchen sie einen Weg, wie Manso der Abschiebung entkommt und sie alle ohne Diskriminierung leben können. Leon hat schließlich eine Idee ...
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Der Mann neben ihr am Strand schreit: „Lauf!“ Und noch einmal: „Los! Lauf!“

Sie versteht, obwohl es nicht ihre Sprache ist, in der er es ihr zuruft. Und so läuft sie los, ohne nachzudenken, ohne zurückzusehen. Sie läuft einfach los und hört erst wieder auf zu laufen, als sie sich allein in einem kleinen Dorf wiederfindet, mitten auf dem Dorfplatz. Angestarrt von einer Sechsjährigen, die gedankenverloren in der Nase bohrt. Und von einem Alten, der auf seinen Stock gestützt vornübergebeugt auf einer Bank sitzt und in regelmäßigen Abständen kleine Rauchwölkchen in die Luft entlässt.

Der Alte und das Kind scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, und als sie mitten auf dem Platz zusammenbricht, erstarrt das Kind, zieht den Finger aus der Nase und läuft weg. Der Alte bläst weiterhin seine Wölkchen, er sieht sie nicht und hört sie nicht. Er sieht und hört wohl gar nichts mehr – hat schon genug in seinem langen Leben gesehen und gehört, sodass es ihm für alle Zeiten ausreicht.

*

„Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein“, so hatten sie gesagt. Und diese Hoffnung auf Freiheit hatte sich in ihr eingebrannt und ließ sie alles auf sich nehmen, was diese Reise, die eigentlich keine Reise war, mit sich bringen sollte. Reisen war etwas Freiwilliges. Sie aber hatte sich nicht aus freiem Willen auf den Weg gemacht. Sie musste weg, musste los, musste alles hinter sich lassen, um frei zu sein – um zu leben.

Auf ihrem Weg begegneten ihr viele, die zu Hause nichts mehr hielt, die es lieber gegen die Fremde eintauschen wollten, weil sie der Überzeugung waren: „Europa ist frei. In Europa wirst auch du frei sein.“

Trotz der riesigen Entfernung waren auch bei ihnen vor einigen Jahren die Bilder einer stürzenden Mauer angekommen, die ein Land mitten in Europa jahrzehntelang geteilt hatte. Bilder von Zäunen am Rande des damaligen Europas, die abgebaut wurden. Nein, nie wieder würde es Mauern geben in Europa oder Zäune, so hieß es. Europa ist jetzt frei und wird frei bleiben.

Und frei sein hieß doch zu tun und zu lassen, was man wollte. Zu heiraten oder nicht, zu lieben, wen man wollte, zu essen zu haben, wenn man hungrig war, und vor allem, leben zu können – ohne Angst vor bewaffneten Männern mit oder ohne Uniformen, die mit einem anstellen durften, was ihnen gerade in den Sinn kam.

Und so war sie eines Nachts aufgebrochen, nur mit dem Notwendigsten bei sich, und hatte alles und alle zurückgelassen. Sie war allein und konnte gehen, musste kein Kind mit sich nehmen und keines zurücklassen.

„Lauf! Los, lauf!“, flüsterte jemand hinter ihr, als sie mit dem Rucksack, in dem alles war, was sie für ihr neues Leben brauchte, auf die Straße trat und dort noch einmal zögerte, den Schritt aus ihrem alten Leben hinaus zu tun.

„Lauf! Los, lauf!“

Sie wusste nicht, hatte wirklich jemand geflüstert oder bildete sie es sich nur ein? Sie sah nicht mehr zurück, sondern lief einfach los. Sie musste sich beeilen, die ersten Anzeichen der Dämmerung waren in der Ferne schon zu erkennen. Sie sah nicht mehr zurück und sie beschloss in diesem Augenblick, niemals mehr zurückzublicken. Sie wollte vergessen, was hinter ihr lag, wer sie war und woher sie kam. Sie hatte es schon vergessen. Sie lief und lief, bis sie nicht mehr konnte. Suchte einen sicheren Ort zum Ruhen, aß und trank, was sie mitgenommen hatte, und dann lief sie weiter. Irgendwann hörte sie auf zu laufen und verfiel in eine gemächlichere Gangart, um nicht die Blicke der Menschen auf sich zu ziehen. Wer läuft, macht sich verdächtig. Wer mit einem prallen Rucksack auf dem Rücken läuft, macht sich sehr verdächtig. Also schritt sie nun zügig voran. Immer Richtung Norden, der Freiheit entgegen.

Sie ging bei Tag und sie lief in der Nacht, und wenn sie einen sicheren Platz fand, schlief sie. In den Dörfern unterwegs versorgte sie sich mit dem Nötigsten und so vergingen die Tage, einer nach dem anderen. Sie zählte sie nicht.

An jedem neuen Tag löschte sie die Erinnerung an den vergangenen. Erinnern wollte sie sich erst wieder, wenn sie in Europa war. Ab dem ersten Tag ihres neuen freien Lebens würde sie wieder zulassen, dass sich die Tage in ihre Erinnerung einprägten. Das alte Leben aber sollte für immer vergessen bleiben.

Bewertung: 5.0 von 5 (1 Bewertung)
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Seitenaufrufe: 294 mal Aufgerufen Am 17. Mai 2016 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Afrika, Diversity, Down-Syndrom, Flucht, Spanien, Transsexualität
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