Schattenlicht Teil 1 biographischer Roman

Schattenlicht Teil 1 biographischer Roman
Preis: 0,99 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.Autor-Martin-Buehler.de
Erscheinungsjahr: 2013
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
Im Jahr 2001 entrümpelte ich nach vielen Jahren den Dachboden im Haus meines verstorbenen Vaters. In einer gut verschlossenen Holzkiste fand ich seine von ihm niedergeschriebene Lebensgeschichte. Ich setzte mich hin und begann zu lesen. Die Geschichten über die nostalgischen 20er Jahre, über die ich mir eigentlich nie Gedanken gemacht hatte, begeisterten mich. Ich tauchte ein in die Armut der Nachkriegszeit, aber auch in eine Zeit, in der ideelle Werte die oberste Priorität hatten.
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Leseprobe

LAND UND DORF

Demjenigen, der im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das Licht der Welt erblickte, standen turbulente Zeiten bevor. Wer von dieser meiner Generation in Ehren alt wurde, muss seinem Schöpfer danken. In Ehren alt zu, werden heißt in einer Zeit der regierenden Massenbewegung und des Mordens, sein Gewissen nicht belasten, seine eigene Persönlichkeit bewahren und zwischen Gut und Böseunterscheiden. Dafür sind und waren Askese, Selbstbeherrschung und Ehrfurcht vor der Kreatur die Grundlagen. Diese Grundelemente ethischer Begriffe konnten sich nur in einem Elternhaus entwickeln, in dem neben Geborgenheit auch Moral und einfache Frömmigkeit den Alltag prägten. Ich hatte das große Glück, in einem bäuerlichen Elternhaus aufzuwachsen, wo in harter Arbeit der kargen Scholle die Früchte der Erde abgerungen wurden. Die Freizeit bestand aus Gebet und Meditation. Meine Eltern waren nicht Erzieher, sie waren Vorbilder. Wenn man ein Jahr nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in armselige Verhältnisse hineingeboren wurde, stand einem keine goldene Zukunft bevor.

Deutschland, mein Vaterland, lag siechend darnieder. Die Grenzen waren mit dem Blut der Soldaten getränkt. Wenn bei uns in der schwäbisch-bayerischen Hochebene der milde Westwind wehte, brachte er noch den Geruch verwesender Soldatenleiber aus Frankreich mit.

Diese Hochebene ist ein raues Land. Im Süden halten die Allgäuer Alpen die milden Südwinde ab; nur hin und wieder dringt der warme Föhn über die hohen Bergketten. Dann wechselt eisiger Frost über Nacht mit milder Luft aus dem Süden. Hart und rau ist nicht nur unser Klima; rau und herzlich ist auch dieser keltische Menschenschlag.

Geologisch ist unsere Landschaft geprägt vom Gebirge. Riesige Gletscher wälzten sich vor Jahrmillionen vom Faltengebirge der Alpen nordwärts zur Donau. Sie schufen unsere Täler, weite Täler, schmale Täler, kleine Schluchten, die sich nach Norden verbreitern und im Donauried verflachen. Jedes Tal von der Iller bis zum Lech hat sein eigenes Gepräge, seinen eigenen Fluss oder Bach oder sein eigenes Rinnsal. Im Süden, dem Alpenvorland, stehen die Bauernhöfe wie Burgen auf den Anhöhen. Saftiges Weideland ernährt braune Kühe. Der Allgäuer Menschenschlag ist gemütlich, wortkarg und von geruhsamer Bedächtigkeit, denn reine Grünlandwirtschaft ist weniger arbeitsintensiv.

Je weiter es ins Unterland geht, desto größer werden die Dörfer, desto abwechslungsreicher wird die Vegetation, umso intensiver die Landwirtschaft. In den Tälern hat man Wiesen, auf den Hügeln Ackerland, unterbrochen von herrlichen Wäldern. Hier gibt es für die Bauern keine Ruhepausen. Frühjahrssaat, Heu- und Getreideernte, Kartoffelernte, Waldarbeit. Das folgt drängend auf das andere. Hier im Unterland muss jeder arbeiten, sogar Kinder und Alte. Selbst das kleinste Rinnsal ist eingespannt in den Arbeitsprozess.

Schon tausend Schritte südlich meines Dorfes Balzhausen wird die quicklebendige Hasel gebändigt. Ein Holzwehr versperrt ihren Lauf, ihr Wasser wird in einen engen Kanal gepresst, wo es ein riesiges Wasserrad treiben muss, dessen Kraft mit Transmissionen auf die vertikal schwingenden Sägegatter übertragen wird. Baumstämme der umliegenden Wälder werden scharfkantig zu Balken, Brettern und Latten geschnitten. Das der Kraft beraubte Wasser erholt sich im ausgeaperten Gumpen, kreist ein paar Mal schäumend, bis es ruhelos weiterfließt und neue Kräfte schöpft. Schon am Südrand des Dorfes wartet der alte Müller Karl. Gemächlich treibt er die Fallen runter, damit die Mühlsteine seiner alten Klappermühle angetrieben werden.

Der Mühlgumpen mit seinen alten Erlen ist Tummelplatz des Dorfes. Enten und Gänse streiten und lieben sich. Kinder baden. An lauen Sommerabenden waschen Bauernknechte ihre Ackergäule von Kopf bis Fuß. Anschließend durften wir Kinder durch die Schwemme reiten. Es war aufregend, wenn das Pferd den Boden unter den Füßen verlor und in Panik seinen Kopf über Wasser hielt und seine Nüstern blähte. Wie oft ist es vorgekommen, dass ein Pferd scheute, den Reiter abwarf, sich an der ausgefransten Böschung hoch strampelte, durchs Erlengebüsch zwängte, bis es wieder festen Boden unter den Beinen hatte und im Galopp durch die Dorfstraße zum heimatlichen Stall preschte, eine Staubwolke hinter sich lassend.

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Seitenaufrufe: 37 mal Aufgerufen Am 11. März 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Biographischer Roman, Kriegszeit, Kristallnacht, Nachkriegszeit
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