Roberts Restaurant

Roberts Restaurant
Preis: 8,99 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.andreas-tietjen.de
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783734757839
Das Restaurant des deutschen Auswanderers Robert Fendrich wird in der thailändischen Kleinstadt Sisaket zum Anlaufpunkt der in der Umgebung ansässigen Ausländer. Durch die thailändischen Gesetze zur Untätigkeit gezwungen und mit kaum überwindbaren sprachlichen und kulturellen Verständigungsproblemen konfrontiert, bilden sie in der Fremde eine fragile Schicksalsgemeinschaft. Die unterschiedlichen Geschichten dieser »Expats« zeigen dem Leser die Integrationsprobleme von Auswanderern, die ihren Alltag in einem vermeintlichen Paradies fristen. Die Spanne der Erlebnisse reicht vom langsamen Abstieg des Schweizer Bahnpensionärs Walter in den Alkoholismus, über die Ausflüge des melancholischen Mopedfans Ruud, bis zur lustig-absurden Odyssee des Japaners Kiyoshi. Dem Leser wird humorvoll und spannend ein Blick hinter die Fassaden eines faszinierenden Landes gewährt, von welchem die meisten Urlauber nur die schönen Strände kennen lernen.
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Leseprobe

Walter war schon seit ein paar Jahren Witwer, und nun hatte er seinen letzten Arbeitstage als Beamter der Schweizerischen Bundesbahn vor sich. Nach vielen, vielen Jahren der Einförmigkeit und der langsamen Bewegungen, mischte sich in die Vorfreude auf seinen Ruhestand ein kaum merklicher Drang nach Aktivität und Abwechselung. Ja vielleicht war es sogar ein Hauch von Abenteuerlust. Diese Vorfreude, die hauptsächlich darin begründet lag, dass er seinen seit vielen Jahren gehassten Arbeitskollegen bald nicht mehr umständlich aus dem Weg gehen müsse, wurde von Tag zu Tag stärker. Als der große Moment seiner Verabschiedung kam, lag auf seinem Antlitz das Mona-Lisa-Lächeln eines Wissenden, der seine Salbung großzügig über sich ergehen ließ, um den Anwesenden nicht die Freude zu verderben. Und anstatt die bei solchen Anlässen übliche und von allen Kollegen erwartete Dankesrede, mit den allseits bekannten Floskeln und Komplimenten, in den Abschiedsapplaus einzublenden, kam ein kurzes Danke aus seinem Mund. Ein kurzes, kaum vernehmbares ›Danke‹, sonst nichts!
Die goldene Uhr, das Abschiedsgeschenk der Abteilungsleitung, in der einen Hand, das einfallslose Präsent der Abteilungs-Kollegen, nämlich die Anfängerpackung einer elektrischen Modelleisenbahn unter dem anderen Arm, so stand er da. Er lächelte noch einmal in die Runde und verschwand. Er ließ seine verdutzten Kollegen mit ihren Sektgläsern und Schnittchen im Großraumbüro stehen und fuhr mit dem Bus auf direktem Weg zu seiner Zweizimmerwohnung, die sich im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses befand. Sein Koffer stand bereits gepackt vor der Garderobe. Er duschte ausgiebig, schlüpfte in die vorsorglich bereitgelegte Kleidung, überlegte noch, ob er die goldene Uhr anlegen sollte oder besser doch seine uralte, zuverlässige Eisenbahner Uhr. Die Goldene sollte es sein – er hatte ja beschlossen, sich ab sofort alles zu gönnen! Routinemäßig, aber gewissenhaft, schloss er den Gashahn, knipste alle Sicherungen aus, bis auf die eine, die den mit wenigen, nicht angebrochenen, Lebensmitteln gefüllten Kühlschrank versorgte. Er überprüfte noch einmal, ob alle Fenster sowie die Schubladen der Möbel geschlossen waren. Ein letzter kritischer Blick in die Runde, und ein selbstzufriedener Walter verließ seine Wohnung und fuhr mit dem Bus direkt zum Flughafen Zürich-Kloten.
Wie ging es doch vornehm zu bei den Fliegern! Jeder Passagier wurde eingecheckt und sein Gepäck wurde einzeln gewogen, durchleuchtet, mit einem langen Aufkleber versehen und von einem jungen Mann auf ein Förderband gehievt, um dann in einem Tunnellabyrinth zu verschwinden. Im Flugzeug bekam jeder Fluggast ein Päckchen überreicht, in dem sich diverse Toilettenartikel, Erfrischungstücher, eine Schlafbrille, ja sogar Stoffpantoffeln befanden. Es gab einen Begrüßungsdrink wie in einem noblen Hotel, Decken und Kopfkissen. Walter musterte alles detailgenau, er roch sogar an der Mini-Zahnpastatube. Sein Sitznachbar wiederum musterte Walter, allerdings mit einem etwas verächtlichen Gesichtsausdruck.
»Wohin fliegen Sie?«, fragte ihn Walter, noch immer von einer gewissen Aufgeregtheit befangen.
Der etwa vierzigjährige, etwas untersetzte Mann neben ihm, der schon vor dem Abheben der Maschine nur noch T-Shirt und Jogginghose anhatte, antwortete:
»Eigentlich nach Kuba, aber wenn ich unterwegs ein schönes Plätzchen entdecke, steige ich schon vorher aus!«
»Nach Kuba?!«
Walter wurde nervös und suchte nach seiner Bordkarte. »Wir fliegen doch nach Bangkok!«
»Ach wirklich?«, spottete der Nachbar, dann signalisierte er durch das Aufsetzen seiner Schlafbrille, dass er an einer weiteren Konversation nicht mehr interessiert war.
Ein letztes Mal klappte er diese jedoch noch hoch, nämlich als Walter tatsächlich die Stewardess fragte, ob sie wirklich nach Bangkok flögen und nicht nach Kuba. Von diesem Moment an empfand Walter die Fliegerei nicht mehr als vornehm und Passagiere, wie auch Besatzung, als arrogante Schnösel, die mit der Tradition und dem gediegenen Komfort der Schweizerischen Bundesbahn nicht im Entferntesten mithalten konnten.
Bangkok war sehr, sehr heiß! Walter kam gar nicht mit dem Abtupfen seiner schweißnassen Stirn hinterher. Er war einfach schnurstracks an der Menge rufender und gestikulierender Taxifahrer vorbeigegangen, um draußen im Freien etwas frische Luft zu schnappen. Aber draußen war es erst recht heiß, und die Luft war alles andere als frisch. Also kehrte Walter mit dem Koffer in der Hand um und ging ziellos zu der wartenden Menge zurück. Als er dann eine Weile irritiert umhergeblickt hatte, kam eine freundliche, winzig kleine Thailänderin mit einem Schild in der Hand auf ihn zu und fragte:
»Are you mistää Simmeler?«
»Zimmerer«, antwortete Walter, »das muss Zimmerer heißen!«

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Seitenaufrufe: 12 mal Aufgerufen Am 7. Juni 2017 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Abenteuer, Belletristik, Expats, Isaan, Krimi, Reiselektüre, Spannung, Thailand
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