Neues aus Klios Archiven – Historische Kurzgeschichten

Neues aus Klios Archiven – Historische Kurzgeschichten
Preis: 2,99 €
Autor:
Genres: Belletristik, Historisch
Erscheinungsjahr: 2017
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783744837750
Die Reise durch die Zeit geht weiter. KLIO, die Muse der Geschichte, gewährt uns von neuem Einblicke in ihre Archive. Diesmal begleiten wir einen Grabräuber aus dem altägyptischen Theben auf einem seiner gefährlichen Raubzüge. Außerdem erfahren wir, wie problematisch es sein kann, wenn man einen Messias in der Familie hat, und warum der Clan Campbell in manchen Gegenden Schottlands so unbeliebt ist. NEUES AUS KLIOS ARCHIVEN – das sind weitere historische Miniaturen für alle Freunde hautnah erlebter Geschichte und für die, die es noch werden wollen ...
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Leseprobe

1692 – Vergesset nicht

Jedesmal, wenn Sir Robert Campbell von Glenlyon sich auf die rechte Seite drehte, stieß er mit der Nase an Captain Drummonds Schweißfüße, die neben seinem Kopf unter der Bettdecke hervorragten. Darum blieb er lieber auf der linken Seite liegen, starrte auf den Alkovenvorhang, hinter dem neun Infanteristen des Argyll-Regiments im Stroh schliefen, und lauschte auf die Geräusche der Nacht. Ein Wintersturm maß seine Kräfte mit denen des Hausdaches. Doch die Männer atmeten ruhig. Hin und wieder hörte er seinen Wirt schnarchen, der mit seiner Frau hinter einer Flechtwerkwand im Nebenraum schlief. Alles schien friedlich. Sir Roberts Herz aber raste. Sein Kopf dröhnte.
Es war bereits die zwölfte Nacht, die seine Männer und er im Vorratsraum von Hamishs Hütte verbrachten. Sie hielten sich seit Anfang Februar im Glen Coe auf: hundertzwanzig Rotröcke, ursprünglich ausgesandt, um in der Gegend die Steuern für die Krone einzutreiben. Mitten auf dem Marsch jedoch hatte man Sir Robert mitgeteilt, daß die Garnison, in der sie Quartier nehmen sollten, überbelegt sei. Er wurde angewiesen, sich bei einem Unterclan der MacDonalds im Glen Coe einzuquartieren. Der Clanchef Alisdair MacDonald lieferte ein logistisches Meisterstück, als er zwei Kompanien aus Infanteristen und Grenadieren so in den Dörfern des Tales verteilte, daß jeder ein Bett und Verpflegung fand. Sir Robert war seinerzeit bei Alisdairs Vetter Hamish untergekommen. Captain Drummond aber, der die Grenadierkompanie befehligte, war erst seit gestern nachmittag da. Obwohl ein schottischer Tiefländer, gab er sich englischer als alle Engländer zusammen. Er trug eine glänzende, rotbraune Perücke, schwang beim Gehen einen Gehstock aus Elfenbein und näselte ein Englisch, wie man es blasierter auch bei Hofe nicht sprach. Und wenn er notgedrungen einmal das Scots der Tiefländer sprechen mußte, dann mit einem Unterton, der keinen Zweifel daran beließ, wie sehr er die Sprache verachtete. Ausgerechnet mit diesem Widerling mußte Sir Robert nun seinen Alkoven teilen. Doch es lag nicht an der ungewohnten nächtlichen Enge, daß er in diesen Stunden kein Auge zutat. Daran war die Order schuld, die Drummond ihm ausgehändigt hatte. Sie kam von Sir Roberts Vorgesetztem Major Duncanson und war an ihn persönlich gerichtet, und nachdem er sie wieder und wieder gelesen hatte, ging ihm ihr Wortlaut nicht mehr aus dem Kopf.
„Hiermit geben wir Euch den Befehl, die Rebellen, die MacDonalds von Glencoe, zu überfallen und jeden unter Siebzig durch das Schwert zu richten. Ihr seid angewiesen, besonders darauf zu achten, daß der Alte Fuchs und seine Söhne Euch nicht entkommen.“
Sir Robert hatte sofort begriffen, daß man ihn bislang zum Narren gehalten hatte. Er war nicht hergeschickt worden, um Steuern einzutreiben, sondern um gegen Alisdair und seinen Clan vorzugehen. Aber warum?
Er hatte die ganze Nacht darüber nachgedacht und keine Antwort gefunden. Gewiß: Die MacDonalds waren Anhänger des verbannten Stuartkönigs Jakob VII., doch Alisdair hatte, wie es von allen jakobitischen Clanchefs des Hochlandes unter Androhung von Strafen verlangt worden war, Anfang des Jahres den Treueid auf den neuen König William of Orange abgelegt. Zwar ein paar Tage zu spät, doch der Sheriff in Inveraray hatte dem alten MacDonald versichert, daß sein Eid trotz der Verspätung anerkannt werde und er nichts zu befürchten habe. Dem Wort des Sheriffs, das wußte Sir Robert, konnte man trauen: Sie waren Vettern. Hinter der Order steckten also andere. Fein eingefädelt, fand Sir Robert. Niemand eignete sich besser dazu, einen solchen Auftrag auszuführen, als er. Die Campbells und MacDonalds nämlich pflegten schon seit Jahrhunderten eine blutige Clanfehde, geschuldet ihrer kaum miteinander zu vereinbarenden Lebensweise. Die Campbells gehörten zum Hochadel. Sie waren Markgrafen, Lords und Earls und hatten sich mit König William in London sofort arrangiert. Vieh und Ländereien machten ihren Reichtum aus. Ganz Argyll gehörte ihnen. Die MacDonalds dagegen lebten, aufgespalten in viele Unterclans, von denen die Glencoes nur einer waren, zerstreut unter ihren Dächern aus Heidekrautsoden, auf den Inseln und im Hochland. Ihr Herz schlug für die abgesetzten Stuarts. Mit ihren altertümlichen Breitschwertern fochten sie für die schottische Freiheit. Daß sie vornehmlich die Herden des Clan Campbell auf Nimmerwiedersehen bei Nacht und Nebel in ihre versteckten Hochlandtäler forttrieben, sorgte immer wieder für Auseinandersetzungen. Doch Sir Robert hatte zu all dem seine eigene Meinung. Er hielt die Glencoe-MacDonalds, ein paar Hundert Leute, bestimmt nicht für Engel, aber er betrachtete sie als seine Nachbarn. Die gutnachbarschaftlichen Beziehungen reichten sogar so weit, daß Sarah McGregor, Sir Roberts Nichte, Alisdairs jüngeren Sohn Sandy hatte heiraten können. Dem guten, alten „Onkel Rob von Glenlyon“ begegnete niemand im Tal des Coe mit Mißtrauen.

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Seitenaufrufe: 1568 mal Aufgerufen Am 28. Juni 2017 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: deutsche Autoren, geschichte, historischer Roman, Kurzgeschichten, Qindie, Quindie, Weltgeschichte, Zeitreise
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