Nennen wir sie Eugenie

Nennen wir sie Eugenie
Preis: 12,00 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.maria-braig.de
Erscheinungsjahr: 2014
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783956670619
Die junge Eugenie, die kurz vor Beginn ihres Studiums steht, muss den Senegal verlassen, weil ihre Liebe zu einer anderen Frau entdeckt wird. Eugenie flieht nach Deutschland, wo sie Schutz und Hilfe erhofft und um Asyl bittet. Das übliche Asylverfahren beginnt und sie muss alles über sich ergehen lassen, ohne wirklich zu verstehen, was die Behörden in diesem ihr so fremden Land mit ihr vorhaben. Eugenie erlebt den Alltag in der Flüchtlingsunterkunft, einer heruntergekommenen ehemaligen Kaserne, bestimmt von Perspektivlosigkeit, Langeweile und der ständigen Angst vor der Abschiebung zurück in ihre Heimat, wo sie Gefängnis und die Morddrohungen ehemaliger Freunde erwarten. Eugenie trifft andere Geflüchtete, die alle ihre eigenen Schicksale mitbringen. Und sie trifft Jeff, eine deutsche Aktivistin, die sie unterstützt und in der sie eine Freundin findet. Gemeinsam versuchen sie alles, um Eugenies Abschiebung zu verhindern.
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Leseprobe

Eugenie hatte Glück. Sie bekam ein Zimmer für sich allein. Die Tür ließ sich nur halb öffnen, dann stieß sie ans Bett, das die gesamte Längswand des Raumes einnahm. Hinter dem Bett war ein Fenster in die Wand eingelassen, das sich nur öffnen ließ, wenn man das Bett von der Wand abrückte. Dazu musste die Tür geschlossen sein. Am Kopfende stand neben dem Bett ein kleines Kästchen, daneben ein Stuhl, dann war die Wand zu Ende. Vor dem Stuhl gab es einen winzigen wackeligen Tisch mit einer Schublade, die sich nur mit Gewalt und viel Geduld öffnen ließ. Daneben war ein Waschbecken angebracht, von dem eine Ecke leicht abgesplittert war. Der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.

Zwischen Tür und Waschbecken befand sich ein alter Metallspind, in dem jemand eine Zeitung mit ihr unbekannten Schriftzeichen und eine Tasse ohne Henkel hinterlassen hatte.

Eugenie hatte nicht ganz zwei Meter mal einen Meter, um sich zu bewegen, aber sie besaß einen Raum für sich allein und in der Tür steckte ein Schlüssel. Jemand schien sich am Schloss zu schaffen gemacht zu haben, aber es funktionierte noch.

Eugenie war fast glücklich. Der Mensch wird schnell bescheiden: Wird ihm alles genommen und dann ein wenig davon zurückgegeben, so fühlt er sich reich beschenkt. So ging es Eugenie. Und plötzlich begann der Nebel sich zu lichten. Die Schwaden waberten langsam davon, von ihr weg, hinaus durch die Ritzen des geschlossenen, aber undichten Fensters. Und der Wasserhahn tropfte. Langsam und stetig.

Sie verließ das Zimmer. Sie schloss ab und begann damit, das Haus zu erforschen, das nun für die nächste Zeit ihr Zuhause sein würde. Ihr Zimmer befand sich im Erdgeschoss. Von einem langen, breiten und dunklen Flur gingen viele Türen ab, hinter denen sich andere Zimmer und andere Menschen befanden. Die alte Kaserne besaß drei Stockwerke und unzählige verschieden große Räume, einige so klein wie das von Eugenie, die meisten aber groß und mit mehreren Bewohnern besetzt. Aus den Türen tönte Musik aller Art, Streit, Lachen, Kindergeschrei und ein Gewirr vieler unterschiedlicher Sprachen. Im Erdgeschoss gab es eine große Küche, deren Einrichtung aus ein paar sehr alten Herden bestand, die teilweise ihre Drehschalter und Knöpfe verloren hatten. Geputzt worden waren sie wohl schon lange nicht mehr. Genauso wenig wie das große Spülbecken aus ursprünglich weißem Porzellan, das viele Risse aufwies und wohl nicht ganz dicht war, wie die Pfütze darunter ahnen ließ. Eugenie konnte sich nicht vorstellen, hier zu kochen, auch wenn der appetitliche Geruch, der in der Luft hing, ihr Hunger machte. Es konnte noch nicht allzu lange her sein, dass hier gekocht worden war, obwohl sich nirgends eine Menschenseele blicken ließ.

Sie ging weiter, der unterwegs immer stärker werdende Geruch nach Urin zeigte ihr den Weg zu den Toiletten. Sie warf einen kurzen Blick hinein, schloss aber schnell die Tür wieder hinter sich und ging die Treppe hinauf ins erste Obergeschoss, in der Hoffnung, dort etwas bessere Zustände vorzufinden. Im ersten Stock gab es keine Küche, dafür Gemeinschaftsduschen, die nur unwesentlich sauberer waren als die Toiletten im Erdgeschoss. Die einzelnen Duschkabinen waren durch Bretterwände, die unten und oben offen waren, voneinander abgetrennt. Ein Vorhang aus Plastik verschloss die Kabine nach außen. Bei den meisten waren einige Ringe ausgerissen und Eugenie unterteilte die Kabinen in gute und schlechte, je nachdem, ob die Aufhängung in der Mitte oder am Rand defekt war, was dann keinen vollständigen Sichtschutz bot. Zu allem Überfluss schien es keine getrennten Duschen für Männer und Frauen zu geben. Eugenie, die es gewohnt war, täglich zu duschen, grübelte, wie sie dieses Problem lösen sollte. Dann erinnerte sie sich an ihr privates Waschbecken im Zimmer und beschloss, dass dies wohl zunächst genügen müsste. Auch der dritte Stock war nicht besser. Es roch noch …

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Seitenaufrufe: 21 mal Aufgerufen Am 29. August 2016 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Asyl, Flucht, Homosexualität, Lesben
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