Liebeslügen oder der ganz normale Wahnsinn

Liebeslügen oder der ganz normale Wahnsinn
Preis: 9,85 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: http://petraweise.jimdo.com
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783734792670
LIEBE - wahre Liebe, vorgespielte Liebe, enttäuschte Liebe, betrogene Liebe - das alles verbirgt sich unter dem Sammelbegriff Liebeslügen. Die Glückseligkeit, die in einer Katastrophe endet. 15 Mal wird feinfühlig, grob, tiefgründig, oberflächlich geliebt, getäuscht, gelitten, gelebt. Man kennt solche Geschichten, aber man glaubt sie nicht und weiß doch, dass sie wahr oder zumindest möglich sind. Alle.
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Leseprobe

Lebensabend

Karin fühlte sich alt, obwohl sie mit fast 60 Jahren nicht direkt alt war, aber jung auch nicht, sie zählte nicht einmal mehr zum sogenannten besten Alter. Sie hatte mal gelesen, dass das Alter fünfzehn Jahre nach dem eigenen Alter beginnt und sich somit immer verschiebt. Das hielt sie für Unsinn, weil ein Altersunterschied von fünfzehn Jahren zwischen einem Zehnjährigen und einem Fünfundzwanzigjährigen anders zählt als zwischen einer Fünfzig- und einer Fünfundsechzigjährigen.

Manche teilten die Lebenszeit in Jahreszeiten, bis 20 Jahre den Frühling, bis 40 den Sommer, bis 60 den Herbst und danach wird es Winter. Da sie aber alle Jahreszeiten gleich gern mochte, gefiel ihr diese Einteilung nicht.

Sie bevorzugte den Tagesablauf,  bis 20 Jahre galt der Morgen, bis 40 die Tagesmitte, bis 60 der Nachmittag und sie gehörte ab ihrem 60. Geburtstag wohl zum Lebensabend, danach kam die Nacht und kein neuer Morgen.

Den Lebensabend stellte sie sich gemütlich vor, als Zeit des Genießens. Die Nacht wollte sie nach Möglichkeit nicht mehr bewusst erleben.

Karin war früher eine recht laute und vor allem ungeduldige Frau gewesen. Sie lachte viel und lebte im Augenblick, die Vergangenheit war vorüber und die Zukunft noch nicht da. Auch mit ihren Kindern ging sie laut und unkompliziert um, sie hatte sie eher chaotisch und fröhlich als ernst und streng erzogen. Das Laute und Ungeduldige hat die Tochter gehasst, der Sohn war zufrieden damit.

Heute äußerte sie sich nicht mehr so laut. Sie musste ihre Wut nicht mehr verbal herausschreien, sondern konnte sie über die Haut ableiten oder abstoßen – als Pickel. Diese Wutpickel wuchsen im Gesicht, am Rücken und zwischen den Brüsten, wenn sie sich ärgerte und diesen Ärger still hinunter schluckte. Das Ärgerliche am Ärger ist, dass er keinem nützt, aber einem selbst schadet. Sie war einfach nicht mehr in der Lage, sich Luft zu machen und schluckte viel zu viele Worte hinunter. An hinuntergeschluckten Worten war noch keiner erstickt und an Pickel noch keiner gestorben, sie verschwanden sowieso nach drei Tagen wieder. Wenn der Körper seinen Schmerz über die Haut ableiten kann, ist das am einfachsten. Sonst verfestigt er sich im Magen oder im Herzen.

Die Leute beklagten, dass die Zeit mit zunehmendem Alter schneller vergeht. Aber das stimmt nicht, das scheint nur so. Manche fürchten, dass die verbleibende Lebenszeit weniger wird und die Zeit deshalb so rast. Karin sah das nüchtern und mathematisch, denn für sie stand die Zeit immer in Relation zur vergangenen Zeit. Das heißt, drei Jahre fallen für einen Schulanfänger extrem ins Gewicht, für einen 18-jährigen haben drei Jahre Altersunterschied ebenfalls eine Bedeutung, für eine Fünfzigjährige kaum noch.

Sie konnte sich noch gut an ihren 50. Geburtstag erinnern. Da war die Welt noch in Ordnung. Sie hatte viele Gäste und es wurde viel gelacht und ausgelassen getanzt.

Drei Jahre später starb ihre Tochter mit nicht einmal 20 Jahren, sie hatte weder ihre Mittagszeit noch ihre Sommerzeit erreicht. Danach blieb für Karin die Zeit einfach stehen. Während des ersten Jahres nach dem Tod der Tochter dümpelte sie wie durch einen Nebel, nahm weder ihr Umfeld noch die Zeit wahr. Es spielte nichts mehr irgendeine Rolle, nichts hatte mehr eine Bedeutung. Sie ertrug weder Musik noch Gespräche, die sich nicht um die Tochter drehten, sie nahm es sehr persönlich, dass niemand ihre Verzweiflung verstand.

Die Freunde versuchten anfangs, mit unsinnigen Floskeln zu trösten: „Dein Kind hätte nicht gewollt, dass du so lange trauerst.“

Natürlich nicht!

Manchmal wollte ein Freund wissen: „War sie krank?“

„Nein.“ Mit dieser Antwort gab sich jeder zufrieden. Manchmal raffte sie sich auf zu ergänzen: „Plötzlicher Hirnschlag.“

Oft bekam sie zu hören: „Das Leben geht weiter.“

Natürlich geht das Leben weiter. Aber nicht für sie. Sie wusste, dass ihr Kind „nur“ gestorben war, unwiderruflich, aber sie wusste nicht, wie sie den Tag ohne ihre Tochter überstehen sollte, wie sie zur Tagesordnung übergehen könnte.

Nach diesem Nebeljahr wurde es noch schlimmer, weil ihr an jedem Morgen bei jedem Wachwerden die Katastrophe bewusst wurde, dass ihre Tochter nicht mehr lebte. Sie war nicht in der Lage aufzustehen und etwas zu essen. Sie sah keinen Sinn darin, aufzustehen und etwas zu essen.

Eines Tages brachte ihr Mann einen Hund mit nach Hause. Da hatte sie zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren Wut.

Sie schrie ihn an: „Was soll das? Ich hasse Tiere! Ich dulde keine Tiere in meinem Haus. Bring es weg! Sofort!“

Aber Achim brachte es nicht weg. Er setzte den kleinen Hund auf Karins Bett und ging aus der Schlafstube. Der kleine Hund rührte sich nicht. Obwohl sie nichts von Hunden verstand sah sie, dass es kein Welpe war. Sie hob ihre Decke an, das Tier sollte vom Bett rutschen, sie wollte auf gar keinen Fall ein Tier und schon gar nicht im Bett. Der Hund blieb unten neben dem Bett liegen. Karin setzte sich auf. Ob er sich verletzt hat? Immerhin war da…

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Seitenaufrufe: 314 mal Aufgerufen Am 21. Oktober 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Beziehung, Doppelleben, Fremdgehen, Liebe, Patchwork, Trennung
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