Klios Archive – Historische Kurzgeschichten

Klios Archive – Historische Kurzgeschichten
Preis: 2,99 €
Autor:
Genres: Belletristik, Historisch
Erscheinungsjahr: 2016
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783741237232
Haben Sie Lust auf einen Trip durch die Weltgeschichte? Wollen Sie gerne dabei sein, wenn Claudius auf seltsame Weise römischer Kaiser wird, wenn der erste Raucher nach Europa kommt und drei Pariserinnen in den Zeiten der Französischen Revolution ihrem außergewöhnlichen Hobby frönen? Dann lesen Sie dieses Buch. Klios Archive – das sind 14 fiktive Miniaturen über weltgeschichtliche Ereignisse von Format, mit denen uns die Autorin einlädt auf eine Zeitreise vom alten Orient in die Moderne. Wenn Sie mehr wollen als immer nur Mittelalter, dann lassen Sie sich ein auf ein Spiel mit den Jahrhunderten ...
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Leseprobe

41 – Ein römischer Kaiser (Inspiriert von einem Gemälde von Lawrence Alma-Tadema)

Tiberius Claudius Nero Germanicus, von allen nur kurz Claudius gerufen, konnte nicht sehen, wohin er seine Schritte setzte. Um ihn herum war nichts als Schwärze. Er tastete sich mit der rechten Hand an der Wand entlang. Die linke streckte er nach vorne aus, um rechtzeitig zu bemerken, wann er auf ein Hindernis treffen würde, und nur ja nicht dagegenzurennen. Auf diese Weise stolperte er Handbreit um Handbreit voran durch ein unterirdisches Gängesystem, das die kaiserlichen Palastanlagen miteinander verband, und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können.
Vor einer halben Stunde noch hatte er in der Adelsloge des Theaters vor dem kaiserlichen Palast während der Mittagspause der Palatinischen Spiele auf den Beginn der Nachmittagsvorstellungen gewartet. Er hatte einen guten Falerner und einen üppigen Imbiß genossen, und dann hatten sich die Ereignisse überschlagen. Auf den Rängen war Unruhe entstanden. Die Besucher, die zum Mittagessen das Theater verlassen wollten, kamen nicht mehr hinaus. Die germanische Leibwache des Kaisers Gaius, der ein Sohn von Claudius’ verstorbenem Bruder Germanicus war, sperrte die Ausgänge. Ein paar Minuten dauerte es, bis sich in der Loge, die den Angehörigen der julisch-claudischen Dynastie vorbehalten war, der Grund für diese Maßnahme herumsprach: Man munkelte, daß Gaius tot war und daß seine eigenen Prätorianer ihn in irgendeinem der Korridore, die aus dem Theater hinausführten, ermordet hatten. Unfaßbar! Selbst Senatoren sollten ihre Hand im Spiel gehabt haben. Das klang nach einer Verschwörung, einer Verschwörung gegen die kaiserliche Familie, vielleicht gegen das Kaisertum an sich: Claudius, Onkel des Ermordeten, begriff sofort, was das für ihn bedeutete.
Wenn seine Mutter Antonia Minor besonders verächtlich von einem Menschen hatte sprechen wollen, dann sagte sie immer: „Der ist ja noch dümmer als mein Sohn Claudius.“ Und mit dieser Meinung stand sie nicht allein.
Dumm war er aber nicht. Er wirkte nur so. Vielleicht lag das an seinem Erscheinungsbild: Er war recht schmächtig und neigte ohne erkenntlichen Grund zum Hinken. Und wenn er mal nicht hinkte, schaffte er es nicht, die Knie beim Gehen durchzudrücken, wie es normal war. Sein Gang erinnerte an das Watscheln einer Ente, und das veranlaßte die meisten Menschen, die ihn in Bewegung sahen, zu hemmungslosem Gelächter. Ab und zu wackelte er mit dem Kopf, ein Symptom, das sich bei Aufregung noch verstärkte, und außerdem lief ihm ständig die Nase. Es fiel ihm nicht leicht, vor Publikum zu reden, denn große Menschenmengen machten ihn so nervös, daß er zu stottern anfing. Viele Zuhörer wendeten sich angewidert ab, wenn er bei längeren Reden dann auch noch um sich spuckte. Daß er meistens ein Taschentuch dabei hatte und sich damit ständig den Mund abwischte oder die Nase putzte, machte ihn nicht eben anziehender. Das war auch einer der Gründe, weshalb sowohl Kaiser Augustus als auch dessen Stiefsohn und Nachfolger Tiberius ihm nicht erlaubt hatten, den Cursus honorumi zu absolvieren. Jeder andere Römer seines Standes durchlief ihn wie selbstverständlich, um es in der Urbs aeterna zu etwas zu bringen und irgendwann wenigstens Prätor oder vielleicht sogar einer der beiden Konsuln zu werden. Selbst seine noble Herkunft half ihm nicht – sie stand ihm eher im Weg. Seine Großmutter Octavia war zwar die Schwester von Kaiser Augustus gewesen, ihr Bruder hatte sie aber mit seinem Verbündeten Marcus Antonius vermählt, der im Laufe der Jahre sein ärgster Feind geworden war. Deshalb lag es nahe zu glauben, daß Augustus Claudius auch seiner unerfreulichen Herkunft wegen immer unter Verschluß gehalten hatte. Andererseits machte Claudius sich nichts vor: Er wußte um seine Schwächen. Verglichen mit seinem Bruder Germanicus, einem Prachtexemplar römischer Manneszucht, machte er eine schlechte Figur. Sein Bruder war beim ganzen Volk so beliebt gewesen, daß noch Monate nach seinem Tod überall „Gebt uns Germanicus zurück“ auf den Häuserwänden der Stadt gestanden hatte. Als Claudius noch ein Junge gewesen war, hatte nicht einmal seine eigene Mutter ihn in Schutz genommen, wenn er nach dem Abendessen von den Gästen seines Vaters mit Abfällen von der Tafel beworfen worden war. Und sein Großvater, der vom Volk erst heißgeliebte und später um so mehr verachtete Marcus Antonius, hätte dem sabbernden, häßlichen Neugeborenen seiner Tochter wahrscheinlich sogar vor lauter Abscheu an einer Säule den Schädel eingeschlagen, wäre er damals nicht bereits tot gewesen.

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Seitenaufrufe: 2451 mal Aufgerufen Am 28. Juni 2017 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: deutsche Autoren, geschichte, historischer Roman, Kurzgeschichten, Qindie, Quindie, Weltgeschichte, Zeitreise
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