INTIMITÄT / INTIMITATE

INTIMITÄT / INTIMITATE
Preis: 3,99 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: http://ioanaorleanu.blogspot.de
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783732360666
Ist Lyrik noch aktuell? JA. Sie ist den postmodernen Zeiten durchaus gewachsen. Das beweist diese zweisprachige Anthologie – ein sehr persönlicher Streifzug durch ein paar Jahrhunderte europäischer Lyrik : Gedichte und Aphorismen von Du Bellay, Malherbe, Corneille, Pascal, Chamfort, Lichtenberg, Stendhal, Leopardi, Heine, de Nerval, Baudelaire, Verlaine, Richepin, Nietzsche, Eminescu, George, Dauthenday, Rilke, Apollinaire, Goldstang und Bienarreau. Mit einem Nachwort von Ioana Orleanu und Illustrationen von Mircea Barnaure.
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WOZU – LYRIK?

Ein Nachwort

„Du schreibst mir Gedichte! … Du hast Probleme! Das ist mir zu viel Stress!“ – diese Fernsehfilmreplik zeigt ziemlich deutlich, dass das Internet-Zeitalter Lyrik nur als Marker von Verschrobenheit wahrnimmt und sonst ihrer nicht zu bedürfen meint.

Zugegeben: Dichter genossen nie einen besonders guten Ruf, der Nimbus des – komischen Kauzes umhüllte seit eh und je ihr Haupt und wenn das Ungestüm-Unmittelbare ihrer Persönlichkeit einige auch faszinierte, so konnte diese Verzauberung doch nicht über der Normalsterblichen grundsätzliche Herablassung hinwegtäuschen: „Genie? Was nützt es ihnen, wenn ihnen Lebenskraft fehlt, sie sich nicht durchsetzen können und im Elend enden?“ Der prosaische Geist, für den nur handfester Erfolg zählt, regiert eben seit Menschengedenken die Welt. Für ihn kann der Dichter nur ein Looser sein.

Freilich manchmal, in Aufbruch- oder Krisenzeiten, betrachtet man sie wohlwollender. Ihre Erzeugnisse wirken stärkend. Und tröstlich. So merkt man, dass man ihrer bedarf. Dann können sich Gedichtbände (wie Benns Lyrik) plötzlich auch hunderttausendfach verkaufen. Und Dichten kann zur auszeichnenden Gabe mutieren – so während meiner Schulzeit, in den 70er Jahren im kommunistischen Rumänien, als dichtenden Mitschülern der It-Faktor anhing. In solchen Zeiten lieben Völker ihre Dichter sehr.

Sonst lieben sie sie vor allem – wenn sie tot sind. Oh, wie dieser kleine, unglückliche Umstand Eifer und Verehrung schürt! Lorbeeren umkränzen die bleichen Stirnen, Titel werden erfunden (Nationaldichter und ähnliches Zeugs…), Denkmäler gebaut, Symposien organisiert und Schulkinder mit „unsterblichen Versen“ gequält – alles den „großen Verstorbenen“ zu Ehren. Man verwandelt sie in Heilige, ganz im Sinne des vaterländisch-kleinbürgerlichen Geschmacks.

Das ist sehr vorteilhaft: Völker können ihre Dichter nur zurechtgestutzt ertragen. Ist einer atheistisch und sinnlich, wie Eminescu, so wird er kurzerhand für „engelsgleich, rein, bedürfnislos“ erklärt: ein Wesen von ätherisch-selbstloser Substanz, das der Erde nur allzu klobige Güter voller Verachtung von sich weist. Dass sich so ein Eminescu durch seine Tage hindurchquält, gar in jungen Jahren stirbt, oh, das ist sehr bedauerlich, aber Hand aufs Herz: Hat es ihm so viel ausgemacht? Er lebte ja schließlich nur für seine Kunst und wir konnten rein gar nichts daran ändern…

Die Dichter selbst werden nie müde, ihrer Zeitgenossen Ignoranz, Borniertheit und Egoismus aufs Heftigste anzuklagen. Eminescu „schämte“ sich seiner Rumänen, Baudelaire wünschte sich „anywhere, but out of this world“, Kästner wetterte gegen „Zeitgenossen haufenweise“, Benn zog das Grab ihrer lästigen Gegenwart vor. Und heute, in diesem unseren 21. Jahrhundert, gilt jenes so klarsichtige Van Gogh-Wort, wonach das Geld das ist, was früher das Recht des Stärkeren war, mehr als er sich je vorstellen konnte. Die Zeiten sind prosaisch wie nie. Nur haben, nur konsumieren, nur scheinen – nicht einmal das alte Rom konnte mit so viel Oberflächlichkeit und gefeierter Kurzlebigkeit aufwarten. Oh, schöne neue Welt, verführerischer als eine Salome-Legion. Da muss sich der Ottonormalverbraucher schon wie ein Kreisel drehen, um die Früchte seiner Arbeitswut, ihr zu Füßen zu legen. Keinen Augenblick darf er mehr ruhen, nie zur Besinnung kommen, nie Muße kennen. Wie soll er dann am Poetischen Geschmack finden?

Nein, es ist durchaus kein Wunder, dass zig Verlage Lyrik ausdrücklich nicht in ihrem Programm führen. Und dass andererseits zig andere, vornehmlich solche, die auf so erfinderischen Gefilden wie die mioritisch-balkanesischen beheimatet sind, mit dieser Gattung ein nicht nur sehr lukratives, sondern auch risikoloses Geschäft betreiben, indem sie, ganz Krämerseelchen, sogar Werke bekannter Autoren im (Selbst-)Sponsoringmodus herausgeben: Findet sich kein Kulturinstitut oder Ministerium etc., um die Veröffentlichung zu finanzieren, zahlt der Autor aus der eigenen Tasche. Und der Verlag verdient, ohne einen Cent (bzw. Leu) investiert zu haben. Autoren sind eben eitle Wesen, um ihren Namen auf einen Buchdeckel gedruckt zu sehen, nehmen sie alles Mögliche hin und mucksen nicht. Es ist, als hielte sie ein Omertà-Bann in Schach. Warum sie also nicht schröpfen? Zumal in der Person des „ignoranten Lesers“ der perfekte Sündenbock bereitsteht, dem alle Schuld für dieses miese Verlegerverhalten aufgebürdet werden kann: „Wenn er sich nicht mehr mit Lyrik befassen, wenn er nicht mehr lesen will“… Dass auch der kultivierteste Leser lyrische Werke nicht lesen kann, wenn diese nirgendwo vertrieben werden, das kehren die cleveren Verlegerkrämerseelchen wohlweislich unter den Teppich.

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Seitenaufrufe: 66 mal Aufgerufen Am 12. November 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Aphorismen, Europäische Lyrik
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