Gute Nacht, Mr. Sharon. Wie ich den Krieg überlebte.

Gute Nacht, Mr. Sharon. Wie ich den Krieg überlebte.
Preis: 0,99 €
Autor:
Genres: Belletristik, Historisch
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als E-Book
Eine Kindheit im Krieg, eine Jugend in der Nachkriegszeit. Wie haben die Menschen diese Zeit überlebt? Die Autorin gewährt Einblick in ihr Leben, beschreibt die Familie, die Verhältnisse und die Menschen die in ihr Leben traten. Sie beschreibt die Widrigkeiten den Alltags, die Bombennächte, die Versorgungsschwierigkeiten, den Überlebenskampf und wie sie das alles verarbeitet hat. Es ist eine Autobiografie, aber der Leser erfährt auch viel über politische Geschehnisse und Zusammenhänge. Das Buch ist ein Aufruf an die heutige Generation gegen den Krieg, ein Buch gegen das Vergessen, und ein Appell an die Lebenden, es nie wieder so weit kommen zu lassen.
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Leseprobe

Die Schwester meiner Mutter hatte im Dorf ein Milchgeschäft, und so erhielten wir immer etwas mehr Milch als uns nach den Lebensmittelmarken zugestanden hätte. Meine Mutter half gelegentlich aus, indem sie mit einer Nuckelpinne durch das Dorf fuhr und aus den Kannen mit einem Maß die Milch in die Gefäße der herbeigeeilten Kundinnen füllte. Eines Tages hatte meine Tante eine Sonderration Butter erwischt und gab meiner Mutter einige Stücke für den Verkauf ohne Lebensmittelmarken. Sie solle die Butter nach freiem Ermessen verteilen. So kam eine alte verhärmte Jüdin an den Wagen, und da gerade niemand in Sichtweite war, gab meine Mutter ihr ein Päckchen, was eine überwältigende Reaktion zur Folge hatte. Meine Mutter musste eindringlich auf die Frau einreden, ihre Dankbarkeits-Bekundungen zu bremsen, denn Juden bevorzugt Lebensmittel zu geben, wurde mit KZ bestraft.

Es war die Zeit, wo meine Eltern sich gegenüber saßen und über den Küchentisch gebeugt flüsternd unterhielten. Im Dorf erzählte man sich schreckliche Dinge, die ich nicht richtig verstand. Ich wurde aufmerksam, als mein Vater ausrief:

„Das glaube ich einfach nicht.“

Auch meine Mutter äußerte sich zweifelnd. Aber dann kam sie aus dem Dorf zurück und berichtete, dass schon wieder eine jüdische Familie verschwunden sei und dass das Textilgeschäft, das alteingesessene Juden seit Jahrzehnten geführt hatten, jetzt einen neuen Besitzer habe.

Jedes mal, wenn sie aus dem Dorf zurück kam, erzählte sie meinem Vater abends, was wieder gemunkelt. wurde.

„Man gibt ihnen Seife und Handtuch und sagt, sie kämen zum Duschen,“ flüsterte sie.

„Und dann kommt Gas aus den Duschen.“

Grauen lag in der Luft, und obwohl ich die leise Unterhaltung nicht genau verstand, schnappte ich Halbsätze auf, wenn meine Eltern erregt die erfahrene Neuigkeit kommentierten.

Begierig verfolgten sie die Nachricht vom Vorrücken der Alliierten. Wenn doch die bald kommen würden, um den Krieg zu beenden! Um das Ereignis, das eintrat, richtig bewerten zu können, muss man sich klar machen, welchen Bedrohungen wir täglich ausgesetzt waren. Nicht allein die Gefahr aus der Luft und das Geheul der Sirenen bei Tag und Nacht, sondern auch die Angst, von der Gestapo abgeholt zu werden, bestimmten unser Leben.

Wie viele Bewohner unserer Straße Mitglieder der NSDAP waren, konnte man nur ahnen. Von einem wusste man es aber ganz genau. Er war der Ortsgruppenleiter für unseren Bezirk, ein missmutig aus wässrig-blauen Augen blickender Mann mit Tränensäcken und einer ungesunden Gesichtsfarbe. Die Leute schienen Angst vor ihm zu haben. Meine Mutter bezeichnete ihn als Großschnauze. Als unsere Häuser nach dem Bombenangriff brannten, war er urplötzlich aufgetaucht, hatte das Kommando an sich gerissen und jedem gesagt, was er zu tun habe. Allerdings musste meine Mutter zugeben, dass er in dem kopflosen Durcheinander beherzt die Situation gemeistert und effektiv die Brände gelöscht hatte, auch wenn unser Haus anschließend unter Wasser stand.

Eines Tages schellte es an unserer Haustür, die meine Mutter öffnete. Unangemeldete Besucher wurden grundsätzlich nicht in die Wohnung gelassen, sondern gleich draußen abgefertigt. Eine deutsche Hausfrau ließ nur jemanden eintreten, wenn die Wohnung tipp topp aufgeräumt und auf Hochglanz poliert war. Es könnte ja sein, dass andernfalls der Besucher herum erzählte „bei denen sieht es ja aus…!“

Dieser jedoch verschaffte sich herrisch Zutritt mit der Bemerkung

„Ich muss ihren Mann sprechen.“

Es war der Ortsgruppenleiter. Er kam in die Küche und sagte zu meinem Vater, er müsse ihn unter vier Augen sprechen. Mein Vater schrumpfte in sich zusammen und schlich mit dem Bonzen ins Nebenzimmer. Meine Mutter blickte schreckensstarr auf die Zimmertür, hinter der die zwei Männer verschwunden waren, und schob nervös ihre Töpfe auf dem Herd hin und her. Als ich fragte, was denn los sei, flüsterte sie heiser, ich solle still sein. Wir lauschten angestrengt, ob wir irgendetwas hören könnten, aber es gab weder Schmerzensschreie noch Hilferufe.

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Seitenaufrufe: 211 mal Aufgerufen Am 12. März 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Alliierte, Au-Pair, Bombenalarm, Bonzen, Hitler, Krieg, KZ, London, Militärregierung, Wiederaufbau
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