Gefreiter Jablonski

Gefreiter Jablonski
Preis: 9,80 €
Autor:
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2010
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783930737802
ie Bundeswehr mit ihrer Hierarchie hat ihre eigenen Gesetze. Alles ist genormt, geregelt, festgelegt und olivgrün. Menschliches Fehlverhalten aber kann diese Ordnung durcheinanderbringen. Ob nach eigenem Kalkül oder vorgegebene Gesetze, kann jeder dem anderen das Leben schwer machen. Diensteifrige Emporkömmlinge und gleichgültige Wehrpflichtige sorgen für ein reges Gegeneinander. Überzeugung und Desinteresse reiben sich aneinander bis zur erbitterten Feindschaft. So nutzt jeder Führungssoldat seine Macht, die ihm die Bundeswehr ermöglicht, dem einfachen Soldaten zu schikanieren. Es liegt an jedem selbst, mit dem Strom zu schwimmen oder regelmäßig anzuecken. Vielleicht aber sind es auch die Reibereien und Umgehungsversuche der Dienstvorschriften, die das Leben in der Kaserne attraktiver gestalten. Die meisten Begebenheiten und Charakterdarstellungen haben sich tatsächlich in der Hamburger Graf Golz-Kaserne zugetragen. Die Geschichte an sich aber ist fiktiv und hat so nie stattgefunden. Es soll gezeigt werden, dass die Bundeswehr nicht nur ein uniformierte Apparat ist, sondern von Menschen in Uniformen, mit ihren Führungsqualitäten und Schwächen, bis hin zur Borniertheit, geführt wird. Der Autor selbst hat in den Jahren 1971/72 in der Graf Golz-Kaserne als Sanitäter gedient.
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Leseprobe

Spätabends gegen 23 Uhr ging er noch einmal nach draußen um ein wenig frische

Luft zu schnappen. Es war kühl und der bedeckte Himmel verschluckte das Licht

des Mondes. Unzählige Mücken tanzten um die Laternen. Ein leichter Wind

bewegte die Blätter des Rhododendronbusches links vom Eingang.

„Hallo Sani!“, grüßte ihn plötzlich jemand aus der Dunkelheit. Jablonski erkannte

zwei Wachsoldaten der Ersten, die in das Neonlicht des Eingangs traten. Beide

waren Reservisten wie er, die vom Soldatendasein genug hatten. Ausgerechnet

Unteroffizier Hechler war ihr Wachhabender und sie erzählten, wie sie unter

seinen Schikanen zu leiden hatten. Er kontrollierte seine Streifen auf Schritt und

Tritt, duldete keine Kippen im Aschenbecher und kein überflüssiges Wort mit

den Arrestanten. Aus jeder gewöhnlichen Wachablösung machte er einen

Staatsakt, kontrollierte Kleidung und Wissen über das Verhalten einer Streife.

Am meisten hatte der Posten am Schlagbaum zu leiden. Dieser war angehalten,

jeden rein- und rausgehenden Soldaten zu überprüfen, egal wie gut er ihn kannte.

Hechlers stichprobenartige Fragerei nach Namen und Einheit verunsicherten ihn

jedes mal. Wer konnte sich schon drei oder vier Namen mit Kompaniezugehörigkeit

merken? Er scheute nicht einmal davor zurück, den unkontrollierten

Passierenden mit dem Rad zu verfolgen, um sich dessen Truppenausweis zeigen

zu lassen.

„Das Schlimmste ist“, erzählte der Eine, „mein Kumpel sitzt in der Arrestzelle

und ich habe nicht einmal die Möglichkeit ihn ein paar Zigaretten zuzustecken.

Selbst das Essen lässt er von einem Rotarsch verteilen, damit ich ja keinen

Kontakt zu ihm habe. Zum Kotzen ist das!“

Jablonski nickte mitleidig und fragte: „ Wann habt ihr eure Ablösung?“

„Halbe Stunde, wieso?“

„Dann schaffe ich ihn euch für eine Weile vom Hals“, versprach er seinen

Kameraden, die sich verwundert ansahen.

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„Mensch, das wäre echt geil!“, rief einer der Wachen begeistert, „ Dann läuft der

andere Rotarsch nämlich Wache!“

Voller Vorfreude boxte er Jablonski gegen die Schulter, verabschiedete sich und

ging mit seinen Kameraden in die Dunkelheit zurück.

Um 23 Uhr 30 nahm Jablonski den Hörer vom Telefon und wählte die Wache an.

„Wache Graf Golz-Kaserne, Erste 174, Unteroffizier Hechler!“, schnarrte es aus

dem Hörer.

„UvD San-Bereich Gefreiter Jablonski. Können Sie mal vorbeikommen? Irgend

jemand schleicht hier um den San-Bereich herum.“

„Warum gucken Sie nicht selber nach?“, fragte Hechler schnippisch.

„Weil ich den San-Bereich nicht verlassen darf und es Ihre Aufgabe ist!“, gab

Jablonski gelassen zurück. Vorsichtshalber fügte er hinzu: „ Aber wenn Sie nicht

wollen, dann rufe ich den San-OvWa (Wachhabender Sanitätsoffizier) an und das

wird garantiert Ärger geben.“

„Ist ja gut, ich komme!“, versprach Hechler gereizt. Zufrieden legte Jablonski

den Hörer wieder auf und wartete mit verschränkten Armen am Haupteingang auf

dessen Ankunft.

Minuten später kam er auch schon angeradelt und stellte sein Rad neben den

Stufenabsatz. Misstrauisch fragte er Jablonski, was er gesehen oder gehört haben

wollte.

„Ich habe Schritte gehört. Als ich aus dem Fenster sah, verschwand da etwas

hinter dem Anbau dort“, erklärte Jablonski und zeigte zur linken Ecke des San-

Blocks. Hechler starrte in die Dunkelheit.

„Könnte natürlich auch die Streife gewesen sein“, fügte er hinzu, obwohl er

genau wie Hechler wußte, dass zu diesem Zeitpunkt keine Streife in der Nähe

war. Hechler gab keine Antwort, reagierte aber sofort. Er zog seine Pistole, lud

sie durch und machte sich auf die Suche. Kaum dass er hinter der Ecke

verschwand, fiel Jablonskis Blick auf das Speichenschloss des Fahrrades, in dem

noch der Schlüssel steckte. Kurzerhand schloss er ab und warf den Schlüssel in

die Richtung, in der Hechler verschwand. Es sollte so aussehen, als wenn er den

Schlüssel dort verloren hätte. Klimpernd landete dieser auf dem Asphalt und

rutschte gegen den Randstein. Sekunden darauf kam Hechler zurück und fragte:

„Was war das?“

„Was war was?“, stellte Jablonski die Gegenfrage.

„Das Geräusch“, erklärte Hechler und ließ den Lichtstrahl seiner Lampe über den

Parkplatz huschen.

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„Sie hören Geräusche?“, erkundigte sich Jablonski besorgt, als machte er sich

ernsthafte Gedanken um dessen psychischen Zustand. Unsicher, irgend etwas vor

sich hin brummelnd, drehte er sich weg und machte sich erneut auf die Suche.

Nach zehn Minuten tauchte Hechler auf der anderen Seite des Blocks wieder auf

und meldete auch noch falschen Alarm. Als er sich auf das Rad schwang,

blockierte das Hinterrad. Es hätte nicht viel gefehlt und Hechler wäre über die

Lenkstange geflogen. Erst stutzte er, überlegte und begann dann seine Taschen zu

durchwühlen.

„Suchen Sie was?“, fragte Jablonski scheinheilig, aber er bekam keine Antwort.

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Seitenaufrufe: 56 mal Aufgerufen Am 29. April 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Bundeswehr, Kaserne, Soldaten, Wehrpflicht
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