Es war einmal in Deutschland

Es war einmal in Deutschland
Preis: 2,99 €
Autor:
Genre: Historisch
Webseite: http://stefan-barth.works
Erscheinungsjahr: 2017
Erhältlich: Als E-Book
Deutschland, April 1945, die letzte Kriegswoche. Der vom langen Krieg desillusionierte Landser Heinrich erfährt, dass seine Frau und eins seiner beiden Kinder bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Er desertiert, um an die Seite seiner jüngsten Tochter zu eilen. Doch er gerät in die Fänge einer SS-Einheit. Der fanatische Obersturmbannführer von Starnfeld macht kurzen Prozess mit Vaterlandsverrätern und hängt Heinrich am nächsten Baum auf. Als er von der jungen Bäuerin Elsa vor dem sicheren Tod gerettet wird, glaubt Heinrich, seinen Heimweg fortsetzen zu können. Stattdessen gerät er in einen blutigen Konflikt um das versteckte Gold einer ermordeten jüdischen Industriellen-Familie. Um nach Hause zu kommen zu seinem Kind, muss Heinrich ein letztes Mal kämpfen. Härter als je zuvor.
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KAPITEL 1

Er hört sie, als er ungefähr die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht hat. Das dunkle Brummen der schweren Motoren erfüllt die Frühlingsluft und verdrängt das Gezwitscher der Vögel.
Er bleibt nicht stehen, behält den Laufschritt bei und dreht den Kopf. Sieht sie über die Straßenkuppe kommen. Ein VW Kübelwagen 82, ein BMW Kraftrad R 75 und ein Opel Lastwagen.
Deutsche.
Wehrmacht.
Kein Laufschritt mehr – er rennt.
Ein Typ in Uniform, der vor seinen eigenen Leuten davon läuft, da braucht man kein Nobelpreisträger sein, um zu wissen, dass man einen Deserteur vor sich hat. Aber was soll er sonst tun? Einfach lässig weitertraben, so als sei nichts geschehen? Hoffen, dass sie ihm im Vorbeifahren einfach nur kameradschaftlich zuwinken? Ihm eine gute Reise wünschen und liebe Grüße an die Familie? Hoffen, dass sie Wichtigeres zu tun haben, als sich mit ihm zu befassen? Zum Beispiel ihre Ärsche ins letzte, sinnlose Gefecht werfen?
Nein. Er hat keine Wahl. Er muss rennen.
Um sein Leben.
Dabei hat er bisher so viel Glück gehabt. Mehrere Wochen unterwegs. Keine Chance, die verdammte Uniform loszuwerden. Und trotzdem ist es ihm immer gelungen, den eigenen Leuten auszuweichen. Er hat im Dreck geschlafen, bei Wind und Wetter, hat sich von jeder Stadt, jedem Dorf, jedem Gehöft ferngehalten. Außer um hier und da mal Nahrungsmittel zu klauen. Es hätte sicher Menschen gegeben, die bereit gewesen wären, zu helfen. Aber das weiß man nicht, wenn man vor ihnen steht. Und sich einfach darauf verlassen?
Nein.
In diesen Tagen kann man niemandem trauen.
Niemandem, außer sich selbst.
Selbst dann kann man einfach Pech haben. So wie er jetzt. Vor fünf Minuten noch hat er im Wald auf der anderen Straßenseite gehockt. Hatte das letzte Stück Schokolade aus der Silberfolie gepult und sich in den Mund geschoben. Energie. Die Sonne hatte ihm wohlig ins Gesicht geschienen und er hatte diesen Moment genossen, hatte ein paar Minuten so verharrt, die Schokolade im Mund schmelzen lassen, die Sonne warm auf seiner Haut. Vielleicht sind ihm diese paar Minuten jetzt zum Verhängnis geworden.
Nein, denkt er, es ist einfach Pech.
Er hat in den letzten Jahren eine Menge Männer gesehen, die Pech hatten. Dutzende. Hunderte. Männer, die nie wieder nach Hause zurückkehren werden.
Nach Hause.
Diese zwei Worte geben ihm die nötige Kraft, noch schneller zu laufen. Der schützende Waldrand kommt näher. Nicht mehr weit, fast geschafft.
Auf der Straße brummen noch immer die Motoren, aber irgendetwas an ihrem Geräusch ist anders, und er weiß auch sofort was – sie schalten. Die Angst ist wie eine eiskalte Faust in seiner Magengrube.
Ein Blick über die Schulter bestätigt, was er geahnt hat. Kübelwagen, Motorrad und Lastwagen sind von der Straße auf den Rasen gebogen. Dreck spritzt hinter ihren Reifen in die Höhe.
Sie haben ihn gesehen und sie wollen nicht an ihm vorbeifahren und ihm zuwinken.
Nein, sie heften sich an seine Fersen. Sie wollen ihn schnappen. Sie wissen, was er ist und sie wollen ihn dafür bestrafen. Das muss sein, werden sie sagen, zur Abschreckung für alle anderen.
Er hat einige gesehen, die, so wie er, alles hingeschmissen haben und nach Hause wollten. Er hat ihre Körper gesehen, wie sie an Bäumen und Straßenmasten baumelten, an Brückenpfeilern und Telefonmasten. Wie Vögel auf ihren Schultern saßen und mit spitzen Schnäbeln nach ihren Augen hackten.
Es hat ihn nicht abgeschreckt. Es hat ihn bestätigt.
So will er nicht enden. Nicht nachdem er sechs Jahre Krieg überstanden hat. Er darf so nicht enden. Er kann nicht zulassen, dass die kleine Karin ohne Vater aufwächst.
Er muss überleben.
Also rennt er noch schneller. Seine Beine fliegen über den Rasen. Einmal im Wald, kann er sie bestimmt abhängen. Vielleicht verlieren sie die Lust auf dieses Spielchen, sobald es anstrengend wird. Sie werden müde sein, kaputt, erschöpft, so wie alle Soldaten.
Das hofft er jedenfalls.
Und dann tritt er in das Erdloch.
Der Schmerz explodiert in seinem Knöchel wie eine Panzergranate und schießt nach oben, durch sein gesamtes Bein. Er schreit und er stürzt, schlägt der Länge nach hin und der Aufprall haut ihm die Luft aus den Lungen.
Der Schmerz ist grell und bunt und laut, aber er kämpft sich trotzdem wieder auf die Beine.
Seine Verfolger haben aufgeholt.
Er kann jetzt sogar Gesichter erkennen, die der Männer auf dem Motorrad und im Beiwagen, die der Männer im Kübelwagen, einer von ihnen bestimmt ein Offizier, und die der Soldaten, die von der Ladefläche des Lastwagens über das Führerhaus blicken.
Weiter, treibt er sich an, weiter.
Aus dem Rennen wird ein klägliches Humpeln, der Schmerz pocht und pumpt und pulsiert.
Und dann ist er da, der Waldrand. Er taumelt zwischen die ersten Bäume, verliert das Gleichgewicht, kann sich vor einem weiteren Sturz bewahren, in dem er sich an einen dünnen Baumstamm klammert.

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Seitenaufrufe: 24 mal Aufgerufen Am 7. Juni 2017 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Abenteuer, Action, Drittes Reich, Historisch, Nationalsozialismus, Thriller, Zweiter Weltkrieg
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