Eine verhängnisvolle Diagnose.

Eine verhängnisvolle Diagnose.
Preis: 6,85 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.petraweise.jimdo.com
Erscheinungsjahr: 2014
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783734730962
Petra Weise wurde 1954 in Freiberg/Sachsen geboren und lebte mehrere Jahre in Frankfurt/Hessen und München/Bayern und seit 1997 mit ihrer Familie in Chemnitz. Sie erzählt in ihren Kurzgeschichten von ihren Erinnerungen an ihre Kindheit und die Zeit als junge Mutter. Zombie. So heißt die erste Geschichte. "Ein echter lebendiger Zombie mitten auf unserem Schulhof. Wir Kinder umringten das seltsame Wesen, das uns aus wasserblauen Augen stumm anstarrte - durch uns hindurch schaute - uns offenbar gar nicht wahrnahm." So unglaublich es klingt: Zombie gab es wirklich. Diese Geschichte ist ebenso wahr wie all die anderen.
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Leseprobe

Zombie

„Zombie! Ein echter Zombie! Die erschreckt Tote mit ihrer Fresse.“

Die Kinder kreischten und sprangen johlend herum. Was war da los? Neugierig schlenderte ich quer über den Schulhof direkt auf die Gruppe zu. Das war nicht meine Art. Viel lieber stand ich an den dicken Stamm der Kastanie gelehnt  und schaute dem Treiben aus sicherer Entfernung zu. Ich mochte in keinen Händel hineingezogen werden. Zum Glück war ich für meine zehn Jahre recht groß und wurde von den anderen Jungen ohne jeden Kampf respektiert.

Neben der Schultreppe grölten mindestens zwanzig Kinder: „Zombie! Zombie!“

Sie schlugen sich gegenseitig brüllend auf die Schultern. Neugierig trat ich näher.

In der Mitte der Gruppe taumelte ein kleines Mädchen. Es musste aus der ersten Klasse sein, denn keiner von uns hatte es jemals vorher gesehen. Die Jungen stießen sich die Kleine wie einen Spielball zu riefen: „Zombie! Ein echter Zombie. Die erschreckt Tote mit ihrer Fresse.“

Ich schaute mit das Mädchen näher an. Die schmalen Schultern vermochten den riesigen Kopf kaum zu tragen. Mir schien, ihr Gesicht bestand nur aus einem schrecklich breiten Mund und vorstehenden fleckigen Zähnen. Die stumpfen grauen Haare starrten wirr und strohig nach allen Seiten und verstärkten noch den Eindruck von einem Riesenschädel. Augen und Haut waren quittegelb. Spinnenhaft hingen dürre Ärmchen schlapp an den Seiten. Dazwischen blähte sich eine dicke Bauchtrommel wie ein aufgepusteter Luftballon. Entsetzt schaute ich weg. Zombie sah wirklich zu grässlich aus.

In diesem Moment bahnte sich Philipp aus der Dritten einen Weg durch die Horde und stellte sich mit ausgebreiteten Armen schützend vor Zombie. Drohend schüttelte er seine Faust in jede Richtung und schrie: „Wer meine Schwester noch mal anrührt, der erlebt den nächsten Tag nicht mehr! Kapiert?!“

„Halts Maul, du Knirps!“ Frank grinste. „Du Zombiebruder.“

Langsam trat Philipp einen Schritt zurück. Er musterte sein Gegenüber, der sogar mich einen ganzen Kopf überragte. Frank hatte fast jedes Schuljahr wiederholt und war gut drei Jahre älter und gefürchteter als wir aus der Vierten.

Plötzlich duckte sich Philipp und hechtete Frank mit gesenktem Kopf mitten ins Gesicht. Der heulte auf und fasste sich an die Nase. Entsetzt starrte er auf seine blutverschmierte Hand. Dann schlug er zurück. Philipp brüllte und warf sich rasend vor Zorn in die Menge. Er trat heftig mit den Beinen in jede Richtung und boxte sich mit Füßen und Fäusten eine Gasse. Langsam traten wir zurück, auch Frank machte Platz. Philipp drehte sich zu seiner Schwester um und strich ihr langsam und sanft über das Haar. Dann kramte er ein zerknülltes Taschentuch aus seiner Hose und wischte der Kleinen vorsichtig übers Gesicht. Sprachlos standen wir abseits und beobachteten, wie er die Hand seiner Schwester nahm und langsam und ohne sich umzuschauen mit ihr davonging.

Die meisten von uns waren Bauernkinder, die nach der Schule im Stall und auf dem Feld hart zupacken mussten. Für Zärtlichkeiten hatten wir keinen Sinn. Das war was für Mädchen. Und für Philipp. Der schämte sich nicht einmal wenn er vor unseren Augen mit Mädchen Fangen spielte.

Wir spielten nie mit Mädchen. Und ganz selten mit Philipp. Manchmal setzten wir uns dazu, wenn er seine Geschichten erzählte er konnte fabelhaft erzählen. Keiner von uns wusste, ob er all die spannenden Abenteuer wirklich erlebt oder nur darüber gelesen oder sie sich einfach ausgedacht hatte.

Zur Schule kam er nun stets mit seiner Schwester. Er trug ihr den Ranzen, führte sie an der Hand und redete lachend auf sie ein. Zombie selbst sprach wenig. Manchmal dachte ich, sie nehme uns überhaupt nicht wahr. Nur, wenn einer von uns ganz nah an ihr vorbei ging, zuckte sie zusammen. Steif und mit geschlossenen Augen blieb sie dann stehen, als ob es dann keine möglichen Peiniger gäbe. Sie weinte nie, beklagte sich nicht, lief nicht einmal davon. Das konnten wir am allerwenigsten begreifen und verachteten sie wegen ihrer Ergebenheit aus tiefstem Herzen.

Täglich dachten wir uns neue Gemeinheiten aus. Oft schlugen wir ihr das Frühstück aus der Hand. Aber sie hob nur still das verschmutzte Brot auf und trug es in den Abfallkorb. In den Pausen stand sie abseits, dicht im Schatten der Schultreppe und spielte mit ihren Händen. Das war ein seltsames Schauspiel. Sie ließ ihre dünnen langen Finger durch die Luft laufen und schaute selbstvergessen dabei zu. Ihre dicken Lippen bewegten sich lautlos. Mal verzog sie bei ihrem Spiel den Mund, als ob sie weinte, dann wieder lachte sie. Mal streichelte sie beruhigend ihre Finger oder versuchte, mit der linken Hand den rechten Arm zu fangen.  

Eines Tages sprach ich sie an: „Sag mal, was fuchtelst du dauernd mit deinen Fingern?“

„Ach, das sind meine Vögel.“ Sie lächelte. „Siehst du, wie schön sie sind?“ Fragend schaute sie mir direkt in die Augen. Dann sprach sie weiter: „Der linke ist böse, aber nur ein bisschen. Der rechte ist lieb, den mag ich besonders. Er hat so ….

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Seitenaufrufe: 57 mal Aufgerufen Am 25. August 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Alltag, ddr, Familie, Kinder, Liebe, Macho, Mobbing
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