Die Reise des weißen Elefanten

Die Reise des weißen Elefanten
Preis: 14,91 €
Autor:
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9780692435915
Richard Emmerich, ein egomanisch veranlagter Workaholic, lebt in Wien. Ohne jegliche soziale Kontakte und schon vor Jahren von seiner Freundin verlassen, zwingt ihn eine bestürzende Nachricht, seine selbst gewählte Isolation zu verlassen. Sein Bruder Heinrich wurde für vermisst erklärt und Richard muss nach Australien reisen, um den Verschollenen zu finden. Richards zufällige Begegnung mit einer jungen Australierin und Ihrem Onkel wird zum Ausgangspunkt einer erstaunlichen Kooperation, denn er trägt ein Andenken bei sich, dessen Herkunft und Ursprung zum zentralen Interesse seiner neuen Bekannten wird. Die beiden sind Mitglieder einer einflussreichen Unternehmerfamilie und der Onkel gleichzeitig Vorstand einer millionenschweren Kulturstiftung. Der überzeugte Prä-Astronautikfan und Hobbyarchäologe will alles über das unscheinbare Objekt erfahren. In Begleitung der beiden setzt Richard seine abenteuerliche Suche fort, die ihn bis in das tiefste Outback des roten Kontinents führt. Aber dort, wo für den einen die Reise zu enden scheint, beginnt sie für den anderen erst.
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Mit noch vom Schlaf verklebten Augen blickte er annähernd fassungslos in das Paar eisblauer Augen in dem bärtigen Gesicht, das ihm scheinbar amüsiert aus dem Halbdunkel vor dem Eingang seines Hauses entgegensah. Die Stirn des Bärtigen lag im Schatten unter der Krempe des schäbig wirkenden Schlapphutes auf seinem Kopf, und ein penetrant muffelnder Geruch schlug Richard entgegen. Eigentlich hätte er die Tür sofort wieder zugeworfen, wäre da nicht noch ein zweites Paar von diesen bemerkenswert eisblauen Augen gewesen. Es musste etwa sieben Uhr morgens sein, die Sonne ging gerade auf und er stand da in seiner Pyjamahose, mit nacktem Oberkörper. Interessanterweise schoss ihm in diesem so seltsam unwirklich erscheinenden Moment ein Traum durch den Kopf. Es musste vor etwa zwei Wochen gewesen sein.

Es war stockdunkel, eiskalt und die Tatsache, dass er absolut nackt dastand, war ihm ungemein peinlich.

„Wo ist mein verdammtes Handy?“ Richard sah nach oben in den Nachthimmel, und im selben Augenblick öffnete sich die Wolkendecke und der Mond warf ein unheimliches Licht auf die fremdartig öde wirkende Landschaft um ihn herum. Im blutroten Schein eines flackernden Feuers weit vorne neben einem dürren Bäumchen sah er verschwommen fluoreszierende, weiße Streifen durch die bedrückende Stille der Nacht tanzen – und dann waren da plötzlich die weit aufgerissenen Augen, die ihn aus undefinierbar dunklen Pupillen durchdringend anstarrten.

Schweißgebadet schreckte er in seinem Bett hoch und hörte das heftige Klopfen an der Tür. Ohne wirklich darauf zu achten, wahrscheinlich aus gelebter Gewohnheit, sah er auf seine Armbanduhr. Richard öffnete einfach im Schlaftaumel, wie aus einem inneren Zwang heraus, obwohl er es hasste, ohne Voranmeldung gestört zu werden. Jetzt stand er in der Tür und sah einem etwa zweijährigen Jungen mit eindeutig farbiger Abstammung ins Gesicht. Er sah die breite Nase und die wulstigen Lippen, sein Kopf war von dichten, stark gekräuselten, dunkelbraunen Locken bedeckt, und der Kleine grinste ihn geradezu umwerfend an. Was aber so überhaupt nicht in das Bild passte, waren diese unglaublich eisblauen Pupillen in seinen großen Kinderaugen, die ihn so interessiert anblickten.

Richard kannte diese Augen. Er kannte sie seit seiner frühesten Kindheit. Wie oft waren es diese Augen gewesen, die ihn angelacht hatten, wenn er traurig gewesen war, und wie oft hatten sie ihn trösten können? Wie oft hatten sie ihm Mut gegeben, wenn das Leben wieder einmal unerhört ungerecht zu ihm gewesen war, und wie oft hatte er mit dem Menschen, zu dem diese Augen gehörten, nach gemeinsam bestandenen Abenteuern gelacht? Eines Tages waren sie dann einfach nicht mehr da gewesen.

Zwanzig Jahre war Richard alt gewesen, als sein fünf Jahre älterer Bruder, einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassend, mit unbestimmtem Ziel seine Heimat verlassen hatte. Das war jetzt mehr als zwei Jahrzehnte her und genau in dieser Sekunde sah Richard in eben diese Augen. In ein streng riechendes, bärtiges und braun gebranntes Gesicht.

„Heinrich?“ Richard sagte es leise, ungläubig, überrascht und mit einem Schlag munter.

„Halt mal den Kleinen.“ Der Bärtige drückte ihm den Jungen in die Arme. Er schob sich an Richard vorbei und zog dabei schon den dreckigen Mantel aus. Den ledernen, speckigen Seesack ließ Heinrich mitsamt dem staubigen Mantel einfach auf dem Boden liegen, und in den mehr als ausgelatschten Boots an den Füßen stand er jetzt in dem mit dunkelroten Fliesen ausgelegten Flur zum Wohnzimmer. „Hast du noch geschlafen?“ Er sah seinen Bruder, der mit dem Kleinen auf dem Arm immer noch in der offenen Tür stand, staunend an. „Du kannst ihn ruhig runterlassen. Außer du hast Haustiere. Er hat Hunger, weißt du!“ Heinrich begegnete dem unglaublich verdatterten Gesicht seines Bruders mit Sarkasmus, begann aber gleich darauf zu lachen. „Mach die Tür zu und zieh dir was an, bevor du mir erfrierst. Hast du eine Kaffeemaschine? Ich mache uns welchen und dann reden wir.“

Richard stopfte sein Leibchen in die Jogginghose und betrat durch den Korridor wieder seine Küche, nachdem er zuvor kurz hochgelaufen war, um sich etwas anzuziehen. Noch immer hochgradig verwirrt, blieb er in der Tür stehen. Sein Bruder stand an der Küchenzeile vor der Kaffeemaschine und schlürfte gerade Kaffee aus der Tasse. Mitten auf dem runden Küchentisch vor dem Fenster saß der Kleine und steckte eben seine ganze Hand in ein Glas Haselnusscreme. Er war nackt und zumindest die Hälfte des Glasinhalts war über seinen kleinen Körper und auf dem Tisch verteilt. Richard blickte seinen Bruder an, dann zu dem Kleinen, dann wieder zu seinem Bruder. „Wie heißt der Kleine?“, wollte er wissen.

Langsam nahm Heinrich die Tasse von den Lippen und neigte seinen Kopf leicht zur Seite. Er sah kurz zu dem Jungen hinüber und dann seinem Bruder fest in die Augen. „Wie sein Großvater: Emil. Emil Emmerich.“ Ein sattes Grinsen lag auf seinem Gesicht. Richard senkte kurz den Blick und seine Gedanken fielen während eines Wimpernschlags in die Vergangenheit zurück. Wie die Wellen, die ein Stein hinterlässt, wenn er ins Wasser platscht, zogen sie ihre Bahn. …

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Seitenaufrufe: 95 mal Aufgerufen Am 8. Mai 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Abenteuer, Archäologie, Australien, Präastronautik
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