Die Krankheitensammlerin

Die Krankheitensammlerin
Preis: 2,99 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: http://krankheitensammler.wordpress.com
Erscheinungsjahr: 2016
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783844289411
Fiona würde gerne ein sorgenfreies Leben führen. Doch das Schicksal scheint nicht auf ihrer Seite zu sein. Nachdem schon vor Jahren Depressionen, Selbstwertprobleme und körperliche Belastungen von ihr Besitz ergriffen haben, wird ihre ungewöhnliche Sammlung ergänzt: Sie hat eine kranke Schilddrüse. Bevor es noch schlimmer kommen kann, entscheidet sie, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen und ihr Leben radikal zu wenden. Pünktlich zum neuen Jahr soll alles anders werden. Doch Fionas Wandel wird ihr von Freunden, Familie und Kollegen nicht erleichtert, im Gegenteil. Keiner hält es für nötig, die junge Frau zu unterstützen, sodass sie sich selbst helfen muss, um ihre Pläne durchzusetzen. Koste es, was es wolle.
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Leseprobe

Das Sprechzimmer hat kahle weiße Wände, die durch Familienfotos und Kinderzeichnungen aufgefrischt werden sollen. Das Mobiliar zeichnet sich durch Holzmaserungen aus und lässt vermuten, dass der hier behandelnde Arzt ein Naturbursche ist. Zugegebenermaßen sind dafür die Fami-lienfotos, die allesamt in Wäldern, vor Blockhütten oder Campingwagen geschossen wurden, ausschlaggebender als das Mobiliar.

Dr. Oslek öffnet die Tür und fliegt schnellen Schrittes um den Schreibtisch herum, um sich sofort seinem Bild-schirm zu widmen.

«Ich bin sofort für Sie da», begrüßt der Arzt seinen Computer.

«Ich habe Zeit», antworte ich wahrheitsgemäß. Inner-halb der letzten Monate ist diese meine Standard-Antwort geworden, wenn jemand etwas für mich macht und dafür Zeit benötigt. Ob es die blutjunge, zittrig-nervöse Kassie-rerin ist, die darüber nachdenken muss, aus welchen Mün-zen sich mein Wechselgeld zusammensetzen könnte oder ob es eine faltige, bösartige Sachbearbeiterin in einem Großraumbüro ist, für die ich nur eine Störung bei ihrer bedeutsamen Schreibtischarbeit darstelle – jeder bekommt von mir dieselbe Antwort: Ich habe Zeit. Aus dieser kleinen Geste gegen die Hektik des Alltags wurde nach und nach ein Lebensmotto.

In den vergangenen Monaten musste ich mir nicht mehr so oft heldenhaft die Zeit nehmen, um Zeit zu haben.  

Inzwischen habe ich täglich Zeit. Nicht, weil weniger zu tun ist, sondern, weil ich einfach weniger tue. So gesehen habe ich Zeit, aber keine Lust. Oder Zeit, weil ich keine Lust habe. Manchmal aber habe ich keine Lust, weil ich zu viel Zeit habe. Dabei gäbe es so viel zu tun.

«So, Frau Alfons», Dr. Oslek dreht sich mit einer unan-gebracht feierlichen Stimme zu mir.

«Mit Ihren Blutwerten ist vieles in Ordnung. Damit mei-ne ich vieles, nicht alles. Eine latente Eisenmangelanämie ist Ihnen bekannt?» Ich nicke. «Bleiben Sie bei eisenhaltiger Nahrung und wir kontrollieren in zwei Monaten noch ein-mal, was das Blut so macht. Tabletten sind nicht nötig und werden wohl auch nicht nötig sein. Denn wir haben da einen anderen Störenfried gefunden», fährt der Arzt fort.

Mich ärgert sein lockerer Ton, doch als Vater von drei Kindern ist der Mann wohl nicht in der Lage, ernste Nach-richten ernst auszudrücken.

In meinem Kopf kreisen die schlimmsten Diagnosen umher. Krebs und HIV schließe ich aus, da ich nicht auf einen Weltuntergang vorbereitet bin. Außerdem hat man mein Blut nicht darauf untersucht – zumindest wusste ich bis jetzt nichts davon.

Einen Diabetes schließt meine innere Diskussionsrunde ebenfalls aus, da Zucker nicht einfach so bei einer Routine-untersuchung des Blutes festgestellt werden kann. Oder etwa doch?

Ich bekomme weiche Knie. Was ist, wenn ein Wert aus dem großen Blutbild so auffällig ist, dass der Arzt einen weiteren Test veranlasst und daraus mein Todesurteil ent-steht? Dann würde ich vermutlich darauf bestehen, dass ich bis zu meinem eigenen Begräbnis nie mehr länger als die Öffnungszeiten der Praxis im Wartezimmer sitzen möchte – schon gar nicht an einem meiner raren Urlaubstage.

Die Miene des Arztes verfinstert sich ein wenig. Er schaut ernster als noch vor ein paar Sekunden. Mein Herz rutscht in die Hose. Sicherlich bin ich zu zynisch und ein viel zu schlechter Mensch, um vom Schicksal verschont zu werden.

Bewertung: 4.7 von 5 (9 Bewertung)
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Seitenaufrufe: 85 mal Aufgerufen Am 7. August 2016 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: junge Erwachsene, Krankheit, krankheitensammler, krankheitensammlerin, Lebenskrise, psyche, sammler, schilddrüse
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