Das halbe Leben Dunkelheit

Das halbe Leben Dunkelheit
Preis: 3,49 €
Autor:
Genre: Krimi & Thriller
Webseite: www.blog-und-stift.de
Erscheinungsjahr: 2015
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9783739300870
In Birmingham taucht die verstörte und verwahrloste siebzehnjährige Katie auf, die vor acht Jahren spurlos verschwand. Psychologen und Sozialarbeiter versuchen vergeblich, von ihr etwas über den Verbleib ihrer ebenfalls vermißten Schwester Tracy zu erfahren, doch Katie spricht kein Wort. Profilerin Andrea übernimmt den Fall und holt Katie zu sich nach Hause. Einfühlsam gelingt es ihr, Zugang zu dem traumatisierten Mädchen zu finden. Jedoch ahnt sie nicht, in welcher Gefahr sie beide schweben, denn Katies skrupellose Entführer sind ihr längst auf der Spur ...
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Prolog

Tränen nahmen ihr die Sicht. Immer wieder wischte sie mit dem ausgeleierten Ärmel des schmutzigen Pullovers über ihre Augen, um sehen zu können, wohin sie überhaupt lief. Seitenstiche quälten sie, die kalte Luft brannte in ihrer Lunge. Sie verfügte über keinerlei Kondition. Keuchend lehnte sie an der rauhen Backsteinmauer und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Ihre Knie zitterten.

Sie hatte sich so überanstrengt, daß ihr Speichel wie Blut schmeckte. Warum das so war, konnte sie sich nicht erklären. Ihr war heiß und sie glaubte, ihr Kopf müsse platzen. Als sie versuchte, einen Schritt nach vorn zu machen, spürte sie, wie ihre Beine zitterten. Aber sie mußte weiter. Sie mußte einfach. Seit acht Jahren hatten sie auf diese Chance gewartet. Acht Jahre lang hatte es keine Gelegenheit zur Flucht gegeben.

Bis jetzt.

Das Industriegebiet war menschenleer. Sie wußte nicht, in welcher Stadt sie sich befand. Das mußte sie jetzt erst einmal in Erfahrung bringen. Vor allem mußte sie aus diesem Industriegebiet herausfinden. Alte, halb verfallene Werkshallen, verrostete Rohre, besprayte Wände. Mehr war da nicht. Obwohl es an diesem Tag bedeckt war und die dunkelgrauen Regenwolken tief hingen, war sie immer noch geblendet von der Helligkeit.

Tageslicht. Das erste Mal seit acht Jahren.

Das Motorengeräusch war schon seit längerem verklungen. Sie waren viel zu weit weg; überschätzten sie. So schnell wäre sie niemals gewesen. Aber das war gerade ihre einzige Chance. Sie konnte sie hören, wenn sie zurückkehrten. Und sie durften sie niemals, niemals wieder kriegen, ganz egal was sie versuchten. Was vermutlich eine ganze Menge war. Die mußten einiges draufhaben, wenn es ihnen gelang, zwei Mädchen auf offener Straße zu entführen und acht Jahre in einen Keller zu sperren.

Sie dachte an ihre Eltern. Ob sie wohl wußten, daß sie die ganze Zeit am Leben gewesen waren? Oder hatten sie ihre Töchter längst aufgegeben?

Entschlossen holte sie Luft und quälte sich weiter voran. Sie hätte alles für den kleinsten Tropfen Wasser gegeben. Etwas zu essen. Eine Pizza. Oh, ein Königreich für eine Pizza!

Atemlos stakste sie voran und lauschte unablässig auf ihre Umgebung. Verkehrsrauschen von fern, dazu die Geräusche des Windes. Mehr war da nicht. Keine Spur von dem Lieferwagen, der vor kurzem noch losgebraust war, um sie wieder einzufangen.

Diesmal nicht.

Es hatte weh getan, nur mit Tennissocken an den Füßen über den harten Asphalt zu rennen. Aber die Männer waren nie der Meinung gewesen, daß die Mädchen Schuhe bräuchten. Wozu? Sie saßen doch eh nur herum. Tagein, tagaus in demselben kleinen Verlies.

Allmählich beruhigte sich ihr Herzschlag wieder und sie sah klarer. Die Tränen waren versiegt. Tränen darüber, daß nur sie es geschafft hatte.

Als sie im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm, erschrak sie. Dabei war es nur ihr eigenes Spiegelbild, das sie in der blinden Scheibe einer verlassenen Halle erblickte.

Sie blieb stehen und musterte sich. So sah sie jetzt also aus. Sie hatte keine Ahnung gehabt. Das letzte Bild, das sie von sich in Erinnerung gehabt hatte, zeigte eine Neunjährige.

Aber das hier war keine Neunjährige. Inzwischen war sie viel größer. An ihrem mageren Körper hing das ausgeleierte Sweatshirt herunter, das sie seit ein paar Monaten trug. Es roch stechend nach Schweiß. An diesen Geruch hatte sie sich nie so sehr gewöhnt, daß sie ihn nicht mehr wahrgenommen hätte.

Das Kleidungsstück war voller Flecken. Darunter befanden sich auch einige Blutflecken. Ihre schlabbrige Trainingshose machte nicht eben einen besseren Eindruck und ohne Schuhe … sie sah aus wie eine Obdachlose. Ein Penner. Strähniges blondes Haar rahmte ihr Gesicht ein. Sie trat näher und musterte sich ganz genau. Hübsch, dachte sie. Eigentlich war sie ganz hübsch.

Der Meinung waren die Männer sicher auch immer gewesen.

So sah sie also jetzt aus. Sie packte das Sweatshirt an den Seiten und zog es enger. Ja, das war eine völlig andere Statur als damals. Inzwischen hatte sie Brüste und runde Hüften. Dabei hätte sie lieber verzichtet.

Nur langsam löste sie sich von dem Anblick ihres Spiegelbildes in der matten Scheibe. Sie mußte weiter. Irgendwohin. Sie wußte nicht, wohin und was sie dort tun sollte. Man würde sie nach Tracy fragen. Aber was sollte sie sagen?

Sie hörte noch immer die grauenvollen Schreie ihrer Schwester. Es war jetzt zwei Tage her, aber sie waren immer noch nicht in ihrem Kopf verklungen.

Da waren nur Schuldgefühle. Furchtbare Schuldgefühle. Sie hätte nicht einfach weglaufen dürfen.

Aber jetzt war es zu spät. Zurückkehren würde sie nicht – nur über ihre Leiche.

Der Lieferwagen tauchte nicht wieder auf. Fröstelnd lief sie die Straße entlang, bis sie die erste belebtere Kreuzung erreichte. Hier fuhren Autos.

Die sahen völlig anders aus als damals.

Achtsam schaute sie sich um. Kein Lieferwagen. Aber ihr kam auch sonst nichts bekannt vor. Das war nicht Leicester. Wo war sie? Wo hatte man sie hingebracht?

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Seitenaufrufe: 42 mal Aufgerufen Am 25. August 2015 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: Entführung, Missbrauch, Profiler, Psychologie, Psychothriller, Spannung, Trauma
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