An schönen Tagen wie heute

An schönen Tagen wie heute
Preis: 12,63 €
Autor:
Genre: Belletristik
Webseite: www.hermann-markau.jimdo.com
Erscheinungsjahr: 2014
Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book
ISBN: 9781494717353
Lindholm, ein friesisches Dorf an der deutschen Nordseeküste in den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Der neunjährige Joachim lebt hier, nachdem er mit seinen Eltern Hanna und Dethlef aus einem harmonischen Leben im Ruhrpott in seine norddeutsche Heimat zurückgekehrt ist. Er erlebt, wie seine Mutter und sein Vater sich entfremden und schließlich getrennte Wege gehen. Hanna, die es 1945 unter lebensgefährlichen Umständen von Ostpreußen nach Schleswig-Holstein verschlagen hat, kann ihre Jugendliebe nicht vergessen, verlässt die Familie und macht sich auf die Suche nach ihrem Fritz. Sein Vater findet bald eine neue Frau, die aber dem Jungen alles andere als ein gleichwertiger Ersatz für seine Mutter ist. Er entflieht dem Martyrium und macht sich seinerseits schließlich auf die Suche nach der Liebe seiner Mutter.
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1. Kapitel

„Wer hat das geschrieben?“

Ich spürte die Augen meiner Klassenkameraden auf mich gerichtet. Daran kann ich mich gut erinnern. Ich saß ganz vorn, rechts, direkt an der Tür. Neben mir Bernhard, den ich nicht mochte, weil er stank. Nach was genau, kann ich nicht sagen. Aber es kam von ihm, da war ich mir sicher.

Herr Krause hatte seinen Gang durch die Tischreihen beendet, stand jetzt wieder vorn in der Nähe des Pultes und blickte wohlwollend auf mich herab. Oder jedenfalls so wenig Ehrfurcht gebietend, dass ich keinerlei Angst verspürte, als er sich langsam näherte, mir mit dem Zeigestock auf die Schulter tippte und die Frage wiederholte:

„Wer hat das geschrieben?“

Er musste schon sehr alt sein, denn er hatte nahezu keine Haare  mehr auf dem Kopf. Aber eine herrliche, hohe Stimme hatte er, die man ihm sicher nicht zugetraut hätte, wenn er nicht der Klasse eben dieses schöne  friesische Lied vorgetragen hätte: Göljn as e Hamel, sozusagen die Nationalhymne Nordfrieslands, wie er seinen Schülern stolz erzählte.

Einer meldete sich. Man hörte es am Schnipsen der Finger. Ich drehte mich um, und da war der schon aufgesprungen, Kai, und posaunte jetzt mutig, ohne die Aufforderung des Lehrers abzuwarten, seine Antwort in den Raum, allerdings mehr als Frage formuliert:

„Goethe?“

Herr Krause lachte laut auf. Die Klasse brüllte. Und ich wusste überhaupt nicht, warum. Er suchte sich wieder mich aus, hob wieder seinen Stock, legte ihn mir wieder auf die Schulter und schaute mir auffordernd ins Gesicht:

„Na, Joachim?“

Wenn´s Goethe nicht war, dachte ich  denn auf den hätte ich sonst auch getippt  dann musste es der andere sein, den ich mit Namen kannte. Also nahm ich mein Herz in die Hand, stieß mich mit beiden Händen von der Tischplatte ab und stellte mich zackig neben der Bank auf.

„Schiller!“

Wer sonst, wenn nicht der? Das waren die beiden, von denen ich schon mal gehört hatte. Aber es musste noch andere geben, denn Herr Krause lachte erneut, und die Klasse brüllte. Jetzt war ich mit meinem Latein am Ende. Aber mein Lehrer offenbar nicht, denn der straffte seine krummen Schultern, lächelte noch eine Spur wohlwollender, während er seinen Blick durch den Klassenraum schweifen ließ, um ihn schließlich wieder auf mein ratloses Gesicht zu heften, und präsentierte im selben Moment die außerordentlich beeindruckende Antwort:

„Dein Urgroßvater!“

Ich wusste nicht, wie mir geschah. Die Klasse brüllte dieses Mal nicht. Und ich fügte im Stillen dem mir bekannten Dichterpaar einen dritten hinzu, auf dass ein Trio daraus würde. So viel Ehre! Und das mir, der ich ja seit kurzem erst in Lindholm wohnte.

Mein Urgroßvater – das war der, in dessen Haus wir lebten, der gestorben war, als wir noch in Duisburg wohnten und der eine Haushälterin gehabt hatte  der Vater von Oma Lisbeth also.

Es war an einem der nächsten Tage, an dem Herr Krause mich heimlich beiseitenahm, um mir bezüglich der Urheberschaft des Liedes über den goldenen friesischen Himmel kleinlaut die Eröffnung zu machen, dass es nun doch nicht mein Urgroßvater war, sondern ein anderer Heimatdichter, der diesen schönen Text verfasst hatte. Und dass es ihm Leid täte.

Um zwölf war der Unterricht zu Ende. Es klingelte. Wir ergriffen unsere Ranzen und stürmten aus dem Schulgebäude. Ich hatte es nicht weit bis nach Hause. Auf halber Strecke verabschiedete ich mich von Kai, meinem Freund, dem Sohn des Dorfschmieds, und trottete gedankenverloren weiter.

Ich konnte nicht sagen, dass ich mich in meiner neuen Heimat unwohl fühlte  das nicht! Aber wenn ich ehrlich war, fehlten mir die Jungs aus Duisburg, und die Gegend, und die Häuser, und die Bäume, die Schlacke, der Geruch. Alles.

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Seitenaufrufe: 171 mal Aufgerufen Am 29. März 2017 auf Autoren-Bücherei.de veröffentlicht.

Tags: 2. Weltkrieg, Flucht, Jugendliebe, Liebe, Ostpreußen, Pubertät, Ruhrpott
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